Daniil Granin – Schriftsteller und Verteidiger Leningrads: „Russland ergibt sich nicht“ (RTdeutsch)

Ganzer Artikel hier: https://deutsch.rt.com/international/40475-daniil-granin-schriftsteller-und-verteidiger/

Auszüge:

Vor 75 Jahren begann die Blockade von Leningrad. Bis die Rote Armee sie nach 871 Tage endgültig durchbrechen konnte, starben rund eine Million Menschen. RT gedenkt dieses Verbrechens und der Aufklärungsarbeit des Schriftstellers Daniil Granin.

Bereits zweieinhalb Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion standen die deutschen Truppen vor den südlichen Toren der zweitgrößten Stadt des Landes, der „Wiege der Revolution“ und ehemals langjährigen Hauptstadt des Russischen Zarenreiches. Vom Norden her rückten auch finnische Verbündete der faschistischen Wehrmacht an, die im Rahmen des „Fortsetzungskrieges“ Territorialverluste aus dem finnisch-sowjetischen Winterkrieg 1939/40 wettmachen wollten. Mit der Ostsee im Osten und dem Ladogasee im Westen war die Stadt damit auch auf Grund ihrer natürlichen Grenzen umzingelt. Mit dem Abwurf von 6.327 Brand- und 48 Sprengbomben am 8. September 1941 begann die wahrscheinlich grausamste Stadtbelagerung der Menschheitsgeschichte, die Blockade von Leningrad.

Durch das Bombardement wurden die Lagerhaus-Komplexe im Süden der Stadt vernichtet. Diese Maßnahme deutete bereits das später offenbar werdende Vorhaben der deutschen Führung an, die Stadt gar nicht militärisch einnehmen, sondern systematisch aushungern zu wollen. Erst langsam begriffen die Einwohner und Verteidiger der Stadt, welchem ungeheuerlichen Plan sie zum Opfer fallen sollten. Zu diesem Moment waren ca. 2.500.500 Zivilisten und 400.000 Soldaten in der Stadt und ihrem kleinen Umkreis eingeschlossen.

Bereits im November gab es die ersten Hungertoten. Und in den darauf folgenden Monaten des extrem kalten Winters 1941/1942 starben täglich zwischen 3.000 und 6.000 Menschen: Die tägliche Kartenration in den bittersten Zeiten der Blockade betrug für einen nicht erwerbstätigen Erwachsenen und für Kinder nur 125 Gramm eines Brotes, das zur Hälfte aus Spanmehl und Zellulose bestand. Um zu überleben, reichte das nicht.

(…)

Sollte sich die Stadt wider Erwarten nicht ergeben, dann sollte sie verhungern. Das spare deutschen Soldaten Leben, Mühe und viel Kriegsgerät. In den Straßenkämpfen wäre die Stadt nicht einnehmbar gewesen – zu groß, zu erbittert der Widerstand. Aber so konnte man die durch den Verzicht auf Angriffshandlungen freigewordenen militärischen Kapazitäten nach Moskau umleiten, dessen geplante Einnahme noch vor Wintereinbruch auf der Kippe stand.

Entgegen den Wünschen der Generäle entschied sich Hitler also für eine aus seiner Sicht „elegantere“ Lösung: für „Genozid durch Nichtstun“ (Historiker Jorg Ganzemüller), zumal der Hungerstrategie im gleichen Moment an den hunderttausenden sowjetischen Kriegsgefangenen erprobt wurde.

Granin, der sehr viel mit deutschen Quellen arbeitete, erzählt in seinem Buch, wie deutsche Ärzte und Fachleute für Ernährungsfragen haarklein ausrechneten, wie lange die Menschen mit den in der eingekesselten Stadt zugänglichen Lebensmitteln durchhalten würden. Hätten ihre Berechnungen sich bewahrheitet, wären alle Einwohner der Stadt am Ende schon mehrfach tot gewesen.

Warum überlebten so viele am Ende doch? Es waren die Improvisationskünste der Einwohner, logistische Meisterleistungen der Militärführung und vor allem das solidarische Mitgefühl unter den Verbliebenen, die der Wehrmacht am Ende einen Strich durch die Rechnung machen sollten.

(…) „Wir hätten diesen Krieg eigentlich verlieren müssen. Warum aber haben wir diesen Krieg gewonnen? Ich habe dafür eine einzige Erklärung: weil es von unserer Seite ein gerechter Krieg war. (…)“Russland ergibt sich nicht.“

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