Interview von Zivadin Jovanovic: Am Vorabend des G 20-Gipfels in China – Ökonomische und Sicherheitsprobleme miteinander verbunden

Im Hinblick auf den am 4. Und 5. September in China stattfindenden G 20 Gipfel gab unser Freund und Mitstreiter Zivadin Jovanovic vom  Belgrader Forum für eine Welt der Gleichen für die „People’s Daily“ ein Interview zum Thema: Am Vorabend des G 20-Gipfels in China Ökonomische und Sicherheitsprobleme miteinander verbunden

Frage: Zur chinesischen Wirtschaft gibt es gemischte Meinungen. Wie sehen Sie die ökonomische Situation in China?

Antwort: Die chinesische Wirtschaft ist die zweitstärkste in der Welt, mit der realen Aussicht, in einer nicht so fernen Zukunft die stärkste zu werden. Eine solche strategische Veränderung in der Welt ruft natürlich bei internationalen Massenmedien, traditionellen Zentren ökonomischer und finanzieller Macht, größtmögliche Aufmerksamkeit hervor, und das nicht immer von einem objektiven Standpunkt aus. In der Tat ist das jährliche Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsproduktes nicht mehr zweistellig wie in den letzten Jahrzehnten. Aber – ist es denn überhaupt realistisch, dass ein Land, das so erfolgreich den Status einer hochentwickelten modernen Ökonomie erreicht hat, weiterhin endlos in einer Größenordnung von 10 oder 12 Prozent pro Jahr wächst? Mit etwa 7 Prozent Jahreswachstum des Bruttoinlandsproduktes bleibt China immer noch die Wirtschaft mit dem höchsten Wachstum des Bruttoinlandsproduktes unter allen wichtigen Weltwirtschaftsmächten. Außerdem ist es nicht einfach das Volumen, das beim Wachstum des Bruttoinlandsproduktes zählt, sondern da sollten noch weitere, vielleicht noch wichtigere Kriterien eine Rolle spielen, wie Stabilität, Qualität der Produktion und Qualität des Lebensstandards der Bevölkerung. In der anhaltenden Krise von Weltwirtschaft und Finanzen bleibt China dauerhaft führend in den Bereichen von Innovation, Forschung und globaler grüner Entwicklung.

Frage: Was erwarten Sie von dem bevorstehenden G 20-Gipfel in China? Was bedeutet es, dass der Gipfel in China abgehalten werden soll?

Antwort: Das G20-Treffen in China wird ein Weltereignis von höchster Bedeutung sein. Es findet zu einer Zeit anhaltender ökonomischer und finanzieller Krisen in großen Teilen der Welt statt, darunter auch einer Destabilisierung der EU nach dem „Brexit“. Es findet statt zu einer Zeit des anhaltenden Krieges in Syrien, einer Destabilisierung von Ukraine und Türkei, zu einer Zeit intensivierter NATO-Expansion gegen Russland nach dem NATO-Gipfel in Warschau. Die auf eine Einkreisung Russlands und Chinas gerichtete Politik der NATO und der USA ruft tiefe Besorgnis hervor. Also bietet der G20-Gipfel die seltene Gelegenheit, beide Probleme zu erörtern – denn ökonomische und Sicherheitsprobleme sind miteinander verbunden. Die Veranstaltung des G 20-Gipfels in China ist eine Anerkennung der beispiellosen chinesischen wirtschaftlichen und innovativen Errungenschaften, des chinesischen Beitrags für die Entwicklung der unterentwickelten Welt, und der Rolle Chinas bei der Eindämmung der ökonomischen und finanziellen Krisen in der Welt. Gleichzeitig ist das die Anerkennung dessen, dass Asien das Zentrum der ökonomischen und technologischen Entwicklung der Welt im 21. Jahrhundert ist. Ich erwarte, dass sich der bevorstehende G20-Gipfel ein realistischeres Herangehen an die internationale ökonomische und finanzielle Situation von heute zu eigen macht. Tiefe, systemische, angestaute Probleme können ganz gewiss nicht gelöst werden, indem man ganz einfach neue Billionen Dollar oder Euro druckt,  und auch nicht durch andauernden Egoismus und das Abschieben eigener Probleme auf andere, sondern nur durch eine Beseitigung aller politisch motivierten Barrieren, durch Offenheit und Akzeptanz der Verantwortung für das gemeinsame Geschick.

Frage: Es gibt so viele Ungewissheiten in der Weltwirtschaft. Welche Rolle kann der bevorstehende G20-Gipfel dabei spielen, die Weltmarktbesorgnisse zu lindern?

Antwort: Es stimmt, dass die Welt noch weit entfernt ist von einer Lösung der Krise, der schlimmsten seit jener vor dem II. Weltkrieg. Es ist eine multidimensionale Krise. Sie betrifft Ökonomie, Finanzen, Politik, Sicherheit und Gesellschaft. Deshalb muss auch das Herangehen an Lösungen multidimensional sein. Wir sollten uns alle bewusst sein, dass Entwicklung und Wohlstand als Grundlage  Stabilität und echte Partnerschaft zwischen den Hauptakteuren brauchen. Nach dem Fall der Berliner Mauer haben wir statt einer Verminderung des globalen Misstrauens, statt der Akzeptanz einer echten Partnerschaft in den internationalen Beziehungen wachsendes Misstrauen erlebt, Expansionspolitik  und Konfrontation, inspiriert von gewissen Machtzentren und Anhängern einer unipolaren Welt. Es ist höchste Zeit, zu verstehen, dass eine Politik der Dominanz, Konfrontation und Militarisierung keine Zukunft hat. Eine stabile und blühende Zukunft kann nur erbaut werden auf der Basis von Multipolarität, gemeinsamer Verantwortung und souveräner Gleichheit unter allen Nationen, ohne irgendeine Vorherrschaft. Dieser Geist muss auf dem bevorstehenden Gipfel der G20 eingebracht und gestärkt werden. Andere Herangehensweisen führen zu Konfrontation und Konflikten, und schließlich zur Selbstzerstörung. Um ökonomische, politische und soziale Spannungen abzubauen, braucht die Welt eine wirklich nachhaltige Entwicklungsstrategie, Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen, die Lösung größerer Krisen mit friedlichen politischen Mitteln. Echte Partnerschaft und gegenseitiges Vertrauen sind von höchster Bedeutung.

Übersetzung aus dem Englischen: K. Prosetzky

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