„Medien werden Glaubwürdigkeit nicht zurückgewinnen“ – Journalist Prof. Dr. Ulrich Teusch

Ein Buch über Manipulationen der Leitmedien hat der Journalist Prof. Dr. Ulrich Teusch geschrieben. In „Lückenpresse“ unterstellt der 57-Jährige den „Mainstreammedien“, bewusst Informationen zu unterdrücken, einseitig zu berichten und mit zweierlei Maß zu messen. Der Träger des Roman-Herzog-Medienpreises appelliert an die Leser, der Branche – auch sich selbst – mit Skepsis zu begegnen und spricht in dem Band, der am 1. September erscheint, vom „Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten“. Der Medienkritiker aus den Medien stellte sich dem Gespräch mit kress.de.

Hier zum ganzen Interview:

https://kress.de/news/detail/beitrag/135760-ard-mann-ulrich-teusch-medien-werden-glaubwuerdigkeit-nicht-zurueckgewinnen.html

Auszüge:

kress.de: Während die „Lügenpresse“-Debatte tobt, schreiben Sie ein Buch mit dem Titel „Lückenpresse“. Das klingt phonetisch ähnlich. Ist es vielleicht sogar das Gleiche? Weglassen ist doch auch eine Art der Lüge. Oder?

Ulrich Teusch: Schon, aber der Begriff „Lügenpresse“ unterstellt dem einzelnen Journalisten ein Fehlverhalten, und weil angeblich sehr viele Journalisten nicht adäquat arbeiten, entsteht daraus ein Massenphänomen, die „Lügenpresse“ eben. Das ist mir zu simpel. Ich argumentiere anders: Journalisten arbeiten in Strukturen, die dem wahrhaftigen Journalismus eher abträglich sind. Mir geht es um das Mediensystem. Allerdings befreit das den einzelnen Kollegen nicht von seiner Verantwortung.

Kommt „Lückenpresse“ dem wirklich näher?

Ulrich Teusch: Zunächst einmal ist doch jedes Medium ein Lückenmedium, weil es die große Bandbreite der Information gar nicht abbilden kann. Es muss immer eine Auswahl treffen. Das Problem aber ist die Gewichtung von Nachrichten, deren Unterdrückung bzw. deren tendenziöse Bewertung und das Messen mir zweierlei Maß. Das verstärkt sich gegenseitig und entwickelt sich zu Narrativen, in die dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet werden. Zeitweise kann sich das zu Kampagnen, ja sogar zu Propaganda ausweiten.

(…)

In Ihrem Buch prangern Sie auch das Messen der Medien mit zweierlei Maß an. Verhalten sich Journalisten also unfair?

Ulrich Teusch: Es hat weniger mit Fairness als vielmehr mit Interessen, auch mit geopolitischen, zu tun. Die ARD-Korrespondentin Ina Ruck zum Beispiel hat einen Beitrag über Polizeigewalt in den USA gedreht. Es ging um die rund 1000 Todesopfer im Jahr 2015. Als Ursachen benannte sie die Anzahl der Schusswaffen und ein falsches Konfliktmanagement. Politische Verantwortung thematisierte sie nicht. Vorher war sie lange Zeit in Moskau. Dort hätte sie die Frage gestellt, wie lange sich Putin bei so vielen Toten noch halten kann. Dieses mit zweierlei Maß Messen ist leider ein großer Trend.

(…)

Die Medienlandschaft wird sich komplett verändern. Wir erleben das Ende einer Ära. Wie müssen sich die etablierten Medien ändern, um dieses Ende abzuwenden?

Ulrich Teusch: Die Medien müssten sich auf breiter Front öffnen und ihre Integrationsfunktion wieder wahrnehmen. Aber darauf deutet nichts hin. Nehmen Sie die Debatte, ob erst die übermäßige Berichterstattung die AfD zum Erfolg geführt hat. Das ist der falsche Ansatz. Es geht nicht darum, ob Politiker dieser Partei zu oft in Talkshows sitzen. Die Fehler sind viel früher gemacht worden. Die Menschen fühlen sich mit ihren Sorgen, die die AfD nun artikuliert, seit langem ausgegrenzt. Jetzt hat sich ein Ventil geöffnet, und es ist zu spät. Anstatt zu integrieren und sich in Ruhe sachlich mit den Problemen zu beschäftigen, wurde das ignoriert und diffamiert, bis sich noch mehr aufstaute. Die Medien hätten ein Frühwarnsystem sein können, doch das wurde versäumt.

(…)

kress.de-Tipp: Ulrich Teusch; Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten. Westend Verlag, 224 Seiten, EUR 18,00, ISBN: 978-3- 86489-145-8

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