Flucht und humanitäre Katastrophe – Von Karin Leukefeld, Damaskus (junge Welt)

https://www.jungewelt.de/2016/08-12/074.php

Strom- und Wassermangel durch Angriffe der Islamisten. 1,5 Millionen Menschen bisher geflohen

»Hunderttausende können auf Rettung hoffen«, überschrieb das Nachrichtenportal t-online.de (7.8.2016) einen Artikel über Aleppo. »Syrische Rebellen haben die Belagerung der umkämpften Stadt Aleppo durchbrochen und damit Hunderttausenden Eingeschlossenen Hoffnung auf Rettung gebracht.« Entlang des »befreiten Korridors« werde heftig gekämpft, wird die u. a. von der Europäischen Kommission unterstützte Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in England zitiert. »Assads Truppen« seien »eingekesselt«, »Dschihadisten kämpfen verzweifelt«. Bewohner hätten nach dem erfolgreichen Durchbruch der Gotteskrieger »auf den Straßen der eingekesselten Viertel« gefeiert und »Gott ist groß« und »Unsere Rebellen werden uns retten« gerufen. Als Quellen nennt t-online.de die Nachrichtenagenturen AP und dpa. Die wiederum berufen sich auf Aussagen der Fatah-Al-Scham-Front (früher Fatah-Al-Scham-Front) und auf die syrische Nachrichtenagentur SANA.

Wenigstens einmal wird in dem Text erwähnt, dass neben den mit den bewaffneten Kämpfern eingeschlossenen rund 300.000 Menschen in Aleppo noch weitere 1,2 Millionen Menschen in der Stadt leben, in einem Gebiet, das »vom Regime gehalten« werde. Über diese Bewohner von Aleppo wird selten in deutschen Medien berichtet. Auch hier sterben täglich Menschen durch Raketen und Beschuss aus Mörsern, oder sie werden verletzt, ihre Wohnungen und Häuser zerstört.

Mindestens drei Millionen Menschen lebten einst in der nordsyrischen Metropole. Als 2012 die ersten bewaffneten Gruppen – damals nannten sie sich noch »Freie Syrische Armee« – in Aleppo einfielen, zerstörten sie nahezu alles, was die Bewohner der Stadt aufgebaut hatten: Fabriken am Stadtrand in allen Größenordnungen wurden geplündert. Ganze Einrichtungen, Werkbänke, Computer, Telefonanlagen, Firmenfahrzeuge aller Art verschwanden in Richtung Türkei, wo die Beute versilbert wurde.

1,5 Millionen Bewohner flohen seitdem aus Aleppo, die andere Hälfte blieb in der Hoffnung, der Spuk möge bald vorbei sein. Doch es kam anders. Die Nähe der Stadt zur türkischen Grenze und ihre historische Symbolik als eine der ältesten bewohnten Städte der Welt weckt regionale und internationale Begehrlichkeiten. Westliche Militärstrategen betonen die Bedeutung der Stadt für die Kontrolle der Region. Die in Istanbul ansässige oppositionelle »Nationale Koalition« träumt davon, in Aleppo eine Exilregierung anzusiedeln, um von dort aus ganz Syrien einzunehmen. Der nahegelegene Grenzübergang »Bab Al-Salam« (Tor des Friedens) ist seit 2011 das Tor für Kämpfer, Waffen und Munition.

Aleppo ist heute militärisch geteilt, die Folgen des Krieges spürt die gesamte Bevölkerung. Am 31. Juli wurde das Elektrizitätswerk angegriffen, das den Betrieb der Pumpen für die Wasserversorgung in der ganzen Stadt gewährleistet. Ingenieure der Regierung waren in der Lage, den Schaden provisorisch zu beheben, sie legten eine neue Stromversorgung zu den Pumpen, die ihre Arbeit wieder aufnahmen. Doch nur wenige Stunden später wurde auch diese Leitung zerstört. Seit dem 4. August ist ganz Aleppo ohne Wasserversorgung.

Den jüngsten Kämpfen im Südwesten der Stadt fiel ein anderes humanitäres Projekt zum Opfer. Rund 12.000 Inlandsvertriebene hatten dort in Rohbauten gelebt und waren täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgt worden. Als die islamistischen Kampftruppen am 1. August begannen, Aleppo zu stürmen, flohen die Menschen erneut. Manche fanden Zuflucht in Parks, andere in Moscheen.

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