Jürgen Todenhöfer: DER BUNDESTAG MACHT ES SICH IN DER ARMENIEN-FRAGE VIEL ZU LEICHT.

Liebe Freunde, bei der Deportation der Armenier durch das von allen Seiten überfallene Osmanische Reich kamen 600.000-1.5 Mio. Armenier um – ein schweres Verbrechen. Doch die Tötung von über 2 Mio. Türken durch die Angreifer war genauso kriminell. Hierüber verliert die heutige Bundestags-Resolution kein Wort. Das ist nur ein Beispiel für ihre doppelte Moral und historische Oberflächlichkeit. Sie ist anmaßend und unhistorisch.

Es gibt viele Gründe, die augenblickliche Politik Präsident Erdogans zu kritisieren. Aber keinen, sich mit 100 Jahren Verspätung ohne seriöse juristische Prüfung als moralischer Scharfrichter über die Türkei aufzuspielen. Verspäteter Mut ist der opportunistische Bruder der Feigheit.

DIE FAKTEN

Deportationen waren in Kriegen ein berüchtigtes Mittel, um Bevölkerungsgruppen, die man als Feinde einstufte, ‚fortzuschaffen‘ oder von einem Landesteil zum anderen zu transportieren. In beiden Weltkriegen, aber auch vorher und nachher, kam es zu millionenfachen Deportationen. Eine scheußlicher als die andere.

Nur selten erwähnt werden dabei die Deportationen von über 5 Millionen europäischen Muslimen zwischen 1770 und 1923 (http://www.tc-america.org/media/Forced_Displacement.pdf). Aus dem Balkan, aus Griechenland, Bulgarien, Rumänien, dem Kaukasus, Montenegro und Russland. Überwiegend ins Staatsgebiet der heutigen Türkei. Bei diesen Deportationen kamen Millionen Muslime ums Leben.( McCarthy, US-Historiker: https://www.youtube.com/watch?v=f96ptH7QYMA)

Deportationen sind für mich immer Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Unabhängig von Nationalität, Religion und Ethnie. Das gilt selbstverständlich auch für die heute im Bundestag debattierte Deportation der Armenier von den umkämpften Ost-Grenzen des Osmanischen Reiches ins Landesinnere. (Die Armenier im Westen blieben weitgehend unbehelligt).

Bei qualvollen Märschen durch unwirtliches Land kamen ab 1915 unzählige Armenier um. Selbst die Türkei geht von 600.000 Toten aus. Sie starben an Hunger, Kälte, Krankheit, aber auch durch kriminelle, mörderische Übergriffe. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Das sieht auch die türkische Regierung so. Präsident Erdogan hat hierzu in seiner Rede vom 23.04.2014 klare Worte gefunden. Er sagte “Es ist eine Pflicht der Menschlichkeit, anzuerkennen, dass die Armenier sich des Leids, das sie in dieser Zeit erfahren haben, erinnern. Die unmenschlichen Konsequenzen, die Deportationen während des ersten Weltkrieges, sollten Türken und Armenier aber nicht daran hindern, gegenseitig Mitleid und Menschlichkeit zu entwickeln.“

Die türkisch-osmanische Regierung hat nicht nur geredet, sondern auch durchgegriffen. Sie stellte 1673 türkische Offiziere, Soldaten und Funktionäre, die sich an Deportierten vergangen hatten, vor Gericht. 67 verurteilte sie wegen ‚Verbrechen gegen die Menschheit‘ zum Tode. (Siehe auch den etwas älteren Bericht: http://www.welt.de/…/1634-tuerkische-Offiziere-zum-Tode-ver…).

NICHT JEDES SCHWERE KRIEGSVERBRECHEN IST VÖLKERMORD

Dass die Deportation der Armenier ab dem Jahr 1915 – wie alle anderen Deportationen – ein schweres Verbrechen war, ist also unstreitig. Streitig ist unter Historikern und Juristen eigentlich nur, ob der Tod der vielen hunderttausend Armenier bewusstes ZIEL der Deportationen war. Ob die Deportationen in ‚ZERSTÖRUNGS-ABSICHT‘ durchgeführt wurden. Wie etwa der Holocaust. Dann waren sie zusätzlich Völkermord, ‚Genozid‘.

Führende Juristen wie etwa der Göttinger Professor Kai Ambos vertreten die Auffassung, dass es für dieses ‚Vernichtungs-Ziel‘ bisher keine überzeugenden Beweise gebe. (FAZ vom 29.4.2016). Allerdings gibt es hierzu auch dezidiert andere Meinungen, wie die von Professor Otto Luchterhandt von der Universität Hamburg.

Die Türkei wehrt sich letztlich nur gegen die Verwendung des juristischen Spezialbegriffs ‚Genozid‘, der das überfallene Osmanische Reich zum ‚Völkermörder‘ machen würde. Ausgerechnet durch Deutschland, seinen damals engsten Verbündeten.

LASST EINE NEUTRALE KOMMISSION ENTSCHEIDEN!

Obwohl ich Jurist und ehemaliger Richter bin, gestehe ich offen: Ich kann diese Frage nicht beurteilen. Endgültig kann sie nur entschieden werden, wenn eine neutrale, internationale Historiker- und Juristen-Kommission alle Dokumente über die damaligen Ereignisse einsehen kann. Wenn alle staatlichen Archive geöffnet werden. Die türkische Regierung, als Rechtsnachfolgerin der Regierung des Osmanischen Reiches, hat sich mehrfach dazu bereit erklärt.

Warum scheut sich der Westen, diese juristische Frage einer neutralen Kommission zu überlassen? Hat er Angst vor vorurteilsfreiem juristisch-historischem Sachverstand? Fürchtet er, dass dann auch der lange geplante Überfall auf das Osmanische Reich vor allem durch Großbritannien und Frankreich, aber auch durch andere Nachbarstaaten als Kriegsverbrechen entlarvt werden könnte? (Siehe hierzu das Standardwerk von David Fromkin: ‚A peace to end all peace‘).

Schließlich haben vor allem die Großmächte, die das Osmanische Reich überfielen, um es unter sich aufzuteilen, das Tor zur Hölle aufgerissen. Und dadurch all die monströsen Verbrechen ermöglicht. Doch wer geht schon gegen Sieger vor? Verbrecher sind immer nur die Verlierer.

Ich finde es trotzdem richtig, dass man das Schicksal der deportierten und getöteten Armenier nie vergisst. Aber man darf auch das Schicksal der deportierten und getöteten muslimischen Osmanen und Türken nicht unter den Tisch kehren.

Das einseitige an den Pranger Stellen der türkischen Osmanen in diesen Tagen ist leicht. Doch es widerspricht der historischen Wahrheit. Und ist deshalb verdammt opportunistisch. Auch wenn viele Redner des Bundestags scheinheilig erklären, sie wollten natürlich kein Türkei-Bashing betreiben, so betreiben sie es nach allen Regeln der Kunst. Euer JT

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