(junge Welt) Russland erdrücken – Unter dem Titel »Anakonda« startet in Polen größtes NATO-Manöver seit Ende des ersten Kalten Krieges

Zur Erinnerung hierzu auch das neue Weißbuch der Bundesregierung: Berlin setzt Russland und IS auf eine Liste – Moskau von nun an kein Partner mehr http://www.welt.de/politik/deutschland/article155952158/Das-sind-die-groessten-Risiken-fuer-Deutschlands-Sicherheit.html

Russland erdrücken

Unter dem Titel »Anakonda« startet in Polen größtes NATO-Manöver seit Ende des ersten Kalten Krieges

Von Reinhard Lauterbach

Am gestrigen Dienstag war der Himmel zwischen den nordpolnischen Städten Torun und Bydgoszcz belebter als sonst. Mehrere tausend Fallschirmjäger aus den USA, Polen und Großbritannien sprangen zum Auftakt des NATO-Großmanövers »Anakonda-16« über einem Truppenübungsplatz ab; auch Haubitzen und sogar leichte Panzer sollten aus der Luft abgeladen werden. In der Nacht war dann geplant, den Vormarsch nach Osten über die Weichsel zu proben. Im weiteren Programm: Brückenschläge über die Oder unter Beteiligung der Bundeswehr und verschiedene Gefechtsübungen bis zu einem vollständigen Panzerangriff, den sich am 17. Juni, dem letzten Manövertag, Polens Staatspräsident Andrzej Duda vorführen lässt. Nicht vor den Augen der Prominenz wird auch die »Liquidierung« von Agenten der »Roten« durch amerikanische und polnische Spezialkräfte geübt.

»Anakonda« ist das größte der praktisch pausenlosen Manöver, die die NATO in diesem Jahr in Osteuropa veranstaltet. 31.000 Soldaten aus 14 NATO-Staaten und neun »Partnerländern«, darunter Finnland, Georgien und der Ukraine, sind beteiligt; sämtliche polnischen Truppenübungsplätze westlich der Weichsel sind durch das Manöver belegt. Die geographische Einschränkung ergibt sich aus dem Manöverszenario: Es sollen eingedrungene »Rote«, von denen angenommen wird, dass sie den Landesteil östlich der Weichsel erobert haben, zurückgedrängt werden. Anschließend will die NATO den Angriff in Richtung Baltikum vorantreiben. Dort finden gleichzeitig massive Luftmanöver statt, und auf der Ostsee werden Landeoperationen geübt.

Das diesjährige Sommermanöver der NATO ist von der Zahl der Teilnehmer und der Art der einbezogenen Waffen her das größte der westlichen Kriegsallianz seit dem Ende des (ersten) Kalten Krieges überhaupt. Sein Ziel ist eingestandenermaßen, Russland einzuschüchtern. »Endlich entsteht eine NATO-Armee«, jubelte der Militärkorrespondent der polnischen Zeitung Rzeczpospolita; Russland habe allen Anlass, sich zu fürchten. Gleichzeitig ist das massive Auftreten der NATO der Versuch, über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass etwa die Staaten des Baltikums in einem wirklichen Kriegsfall wegen mangelnder strategischer Tiefe gegen einen russischen Angriff nicht zu verteidigen wären und deshalb objektiv von zweifelhaftem Wert sind. So jedenfalls Anfang des Jahres eine Studie des CIA-nahen US-Thinktanks Rand Corporation.

Dass dieses Manöver wenige Wochen vor dem am 8. und 9. Juli in Warschau geplanten NATO-Gipfel stattfindet, ist gleichwohl ein Signal der USA an die osteuropäischen Frontstaaten. Auch wenn deren Forderung nach einer massiven permanenten Stationierung zusätzlicher Truppen wahrscheinlich nicht erfüllt werden wird, sollen sie nicht auf die Idee kommen, sich in ihrer Russlandfeindschaft zurückzuhalten. »Anakonda« hat nach dieser Seite die Funktion, das Bündnis beisammenzuhalten. Russland bekommt demgegenüber demonstriert, dass die formale Einhaltung einer Zusage von 1997, in den osteuropäischen NATO-Staaten würden keine »substantiellen« zusätzlichen Kampftruppen auf Dauer stationiert, selbst in diesem löcherigen Wortlaut wenig wert ist.

Russland hat das Stattfinden und die Anlage des NATO-Manövers als destabilisierend kritisiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte in Moskau, das Militärbündnis schaffe in Osteuropa eine Zone der Unsicherheit und des Misstrauens.

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Siehe hierzu auch: http://www.spiegel.de/politik/ausland/militaermanoever-in-polen-mit-nato-staaten-aerger-um-anakonda-a-1096262.html

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