Über die deutsche Berichterstattung zum US-Präsidentschaftswahlkampf und den Umgang mit Sozialist Bernie Sanders (Neues Deutschland)

Demokratie kann eine komplizierte Angelegenheit sein, besonders wenn es sich nicht um die eigene handelt: In den vergangenen Monaten mussten sich Leser vieler deutschsprachiger Medien daran gewöhnen, dass die Kandidatin der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahl eigentlich nur Hillary Clinton heißen kann. Allein die Bezeichnung des Konkurrenten Bernie Sanders als »Sozialist« löst bei manchen Kommentatoren eine derartige Schnappatmung aus, dass die politische Verortung des linken Kandidaten selten ohne den Zusatz »selbsterklärter« auskommt. Eine ähnlich kritische Auseinandersetzung mit den »selbsternannten« sozialistischen Parteien Europas von Frankreich (Parti socialiste) bis Spanien (Partido Socialista Obrero Español) gibt es nicht, weshalb etwa François Hollande weiter ungestraft als Sozialist durchgeht.

Nun erdreistet sich jener Sanders auch noch, trotz nur noch minimaler Chancen auf eine Nominierung nicht aus dem Vorwahlkampf auszusteigen. Veit Medick bei »Spiegel Online« spricht von »Bernie Sanders’ Sturheit«, auf Süddeutsche.de warnt Johannes Kuhn vor einem »Parteitags-Chaos« bei den Demokraten. Unisono heißt es: Während sich die Republikaner bereits hinter ihrem Kandidaten Donald Trump versammeln, »zerfleischt« sich die Demokratische Partei. (Bernd Pickert auf taz.de) Bei Zeit.de fassen sie die Situation so zusammen: »Der weiterhin große Aufwand für die Vorwahlen hält Clinton davon ab, sich bereits jetzt auf Trump zu konzentrieren.«

Vergebens sucht der Leser nach tieferen Analysen, weshalb Sanders bis zum Nominierungsparteitag im Juli weiter um jede Stimme kämpft. Mit Sicherheit hat das auch mit der Restchance zu tun, die dem Kandidaten bleibt. Demokratie ist eben gerade dann, wenn eine Partei zwischen mindestens zwei Optionen wählen kann. Tatsächlich ist Sanders Achillesferse nicht das Problem, breite Bevölkerungsteile für sich zu begeistern, es sind vielmehr die verschiedenen Stolpersteine des Vorwahlsystems der Demokraten, das anfangs eher unbekannte Kandidaten strukturell benachteiligt. Das fängt bereits bei der intransparenten Auswahl der Superdelegierten an: Nach bisherigem Stand hat sich deren klare Mehrheit auf die Seite Clintons geschlagen, was bei der Rekrutierung jener Abstimmenden aus den Reihen der Parteiführungsebene kaum verwundert. Sanders war nie Wunschkandidat des Establishments, dessen Sympathien für die Ex-Außenministerin offensichtlich sind. Doch darüber finden sich ebenso wenig kritische Auseinandersetzungen in deutschsprachigen Medien wie zu den unterschiedlichen Vorwahl-Regeln: In einigen Bundesstaaten (etwa New York) mussten sich potenzielle Wähler bereits zu einem Zeitpunkt registrieren lassen, als Sanders landesweit noch als Unbekannter galt. Dabei sind es gerade Jung- und Erstwähler, die der Senator für sich begeistern kann.

Politisch folgt Sanders’ Durchhaltevermögen einem klaren Ziel: Je länger er in der Öffentlichkeit steht, desto mehr muss sich Clinton mit seinen Inhalten auseinandersetzen. Will sie Kandidatin aller Demokraten sein, wird sie viele Schritte auf das Sanders-Lager zugehen müssen.

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