Syrien: Kampfverbände umzingeln Städte. Gespräche sehen Evakuierung der Bevölkerung vor. Hilfskonvois eingetroffen – Karin Leukefeld, junge Welt

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Belagerung aus Rache

 

Internationale Hilfskonvois haben mehrere Städte in Syrien erreicht. In Madaja (Provinz Damaskus) konnten rund 40.000 Menschen, in Kefraja und Al-Fuaa (Provinz Idlib) rund 20.000 Menschen mit Decken, Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden. Der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Syrien, Yacoub El Hillo, erklärte, es gebe viel Aufmerksamkeit für die Stadt Madaja. Allerdings sei die UNO ebenso besorgt über rund 4,5 Millionen Menschen, die in Syrien in belagerten Städten und in Gebieten lebten, die kaum zu erreichen seien. Konkret sprach El Hillo von 15 Orten mit insgesamt rund 400.000 Einwohnern, die dringend Hilfe benötigten.

Die Hilfslieferungen erreichten die drei Städte gleichzeitig am Montag und sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Die UNO wird dabei vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und dem Syrischen Roten Halbmond unterstützt. Die französische Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen«, die in Madaja tätig ist, erklärte, dass im Dezember 23 Menschen, darunter sechs Kinder, verhungert seien. Der syrische UN-Botschafter Baschar Al-Dschaafari wies die Darstellung zurück und sagte, dass etliche der veröffentlichten Fotos nachweislich Fälschungen seien. Ein Sprecher des IKRK sagte im arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira, seine Organisation könne die Angaben über Hungertote in Madaja nicht bestätigen.

Auf Madaja wurden internationale Medien und Menschenrechtsorganisationen Anfang Januar 2016 aufmerksam. Gespeist wird die kampagnenartige Darstellung der Verhältnisse in dem Ort durch dramatische Fotos, die »Aktivisten« via Internet verbreiteten. Unterstützt werden die Angaben von der in Istanbul ansässigen oppositionellen »Nationalen Koalition«, die unter Verweis auf Madaja politische Forderungen für die Ende Januar in Genf geplanten Syrien-Gespräche stellt. Die vom Westen, der Türkei und den Golfstaaten unterstützte »Nationale Koalition« versteht sich als politische Vertretung der sogenannten gemäßigten oppositionellen Kampfverbände in Syrien. Seit 2012 kontrollierten diese das nahe der libanesischen Grenze gelegenen Madaja und die benachbarte Garnisonsstadt Sabadani — und damit die Transportroute für Waffen, Kämpfer, Lebensmittel und medizinische Versorgungsgüter in Richtung Damaskus.

Im Frühsommer 2015 hatten die syrische Armee und die mit ihr verbündete libanesische Hisbollah eine Militäroffensive gegen die Aufständischen in Sabadani begonnen. Aus Rache dafür griffen die Kampfverbände Kefraja und Al-Fuaa an und umgaben die Städte mit einem dichten Belagerungsring. Unter Vermittlung der UNO war es im August 2015 erstmals zu einem Abkommen gekommen. Da die beiden Kampfgruppen Ahrar Al-Scham, die der Muslimbruderschaft zugerechnet wird, und Dschaisch Al-Fatah (Armee der Eroberung) sich weigerten, mit der syrischen Armee zu verhandeln, hatten letztere und die mit ihr verbündete Hisbollah den Iran in die Verhandlungen einbezogen, während die Aufständischen von der Türkei vertreten wurden.

Das erzielte Dreistufenabkommen sah in einem ersten Schritt im Oktober 2015 einen Waffenstillstand in Sabadani und ein Ende der Angriffe auf Kefraja und Al-Fuaa vor. Hilfskonvois fuhren in die Städte. In einem zweiten Schritt wurden im Dezember 2015 Verletzte mit bis zu zwei Angehörigen evakuiert. Betroffene aus Sabadani wurden nach Beirut gebracht und von dort in die Türkei ausgeflogen, von Kefraja und Al-Fuaa aus ging es mit Bussen in die türkische Provinz Hatay. Der dritte Schritt sah erneut Hilfskonvois vor. Zudem sollten weitere Zivilisten die Orte verlassen können. Das hatte auf beiden Seiten gleichzeitig zu geschehen.

Während die syrische Armee und die Hisbollah sich an die Vereinbarung hielten, weigerten sich die Kampfgruppen, den dritten Schritt zu vollziehen und Hilfslieferungen nach Al-Fuaa und Kefraja zu lassen. Daraufhin war auch bei Madaja der Hilfskonvoi gestoppt worden. Intensive diplomatische Verhandlungen haben nun ermöglicht, dass in allen drei betroffenen Städten der dritte Schritt des Abkommens umgesetzt werden konnte.