junge Welt – Opferzahlen politisch instrumentalisiert Von Karin Leukefeld

 

 

Am 14. September hat die New York Times eine Infographik mit 200.000 kleinen roten Punkten veröffentlicht. Jeder Punkt markiere einen Toten in Syrien, so die US-Zeitung. Dann folgt eine Auflistung von zivilen Opfern nach verschiedenen Todesursachen: Massenerschießungen, Mörser- und Raketenangriffe, syrische Luftangriffe, Attacken mit Chemiewaffen, Entführungen, Verhaftungen, Folter. Quellen der Angaben sind verschiedene Menschenrechtsgruppen, die – je nach politischer Neigung oder Herkunft – sehr unterschiedliche Zahlen nennen, so die New York Times.

Ebenfalls im September hat der britische Guardian, basierend auf Angaben des in Syrien ansässigen Dokumentationszentrums für Menschenrechtsverletzungen, die Zahl von 122.683 getöteten Syrern für den Zeitraum von viereinhalb Jahren gemeldet. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte gibt für den gleichen Zeitraum 330.000 getötete Syrer an, während die UNO von 250.000 Kriegstoten spricht. Oppositionelle räumten bereits 2012 ein, dass sie getötete Kämpfer als »getötete Zivilisten« angegeben hatten, weil es sich um Zivilisten, die sich bewaffnet hatten, gehandelt habe.

Die syrische Armee veröffentlicht seit Ende 2012 keine Zahlen gefallener Soldaten mehr. Inoffiziellen Schätzungen von Diplomaten in Damaskus zufolge sind die überwiegende Mehrheit der Kriegstoten in Syrien Regierungssoldaten und Kämpfer bewaffneter Gruppen.

Die Angaben zu den Opfern in Syrien seien »politische Zahlen«, räumte der Guardian ein. »Regierungen und bewaffnete Gruppen übertreiben oder verfälschen routinemäßig die Zahlen.« Zudem gäbe es einen regelrechten Kampf um die Deutungshoheit zwischen Aktivisten und Wissenschaftlern, die Opferzahlen aus Konflikten – nicht nur in Syrien – auszuwerten versuchten.

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