Paris: Die Gewalt trifft die Zentren Der Krieg ist längst verloren – von Uli Gellermann, Rationalgalerie

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Autor: Uli Gellermann                          Datum: 14. November 2015
Vierzehn Jahre sind wie ein Tag  –  als wäre es gestern, so präsent ist der 11. September 2001. Damals war es New York. Heute ist es Paris. Zwischen den Daten: Gewalt. Es sind so viele Kriege. Kaum aufzuzählen. Die in Afghanistan, im Irak, in Libyen, Syrien, Mali, Jemen und anderswo. Überwölbt alle vom „Krieg gegen den Terror“. Als würde die nächste Drohne die letzte sein können.
Die Gewalt kommt scheinbar von den Rändern. Den Rändern der westlichen Welt. Dort, wo der Westen damals die Welt aufteilte. Dort, wo der Westen seine Rohstoffe mit Gewalt nimmt, seine Billiglöhner, seine Hilfstruppen. Die Gewalt kommt von den Rändern. Aus den Vorstädten, den Unterklasse-Quartieren, vom sozialen Rand. Dort, wo die Gewalt der Herrschaft die Köpfe verkrüppelt. So oder so.
Für die einen die Dauer-Party: Festmeilen, Perma-Diskos, Zuschauer-Orgien, Unterhaltung auf allen Kanälen. Für die anderen das Abseits:  die Gewalt der Herrschaft, die Brutalität der Ausgrenzung, die Diktatur des Geldes. Die sittsame Alternative, die alte Arbeiterbewegung, ist kaum präsent. Manchmal Komplize bei der Ausbeutung, manchmal nur Zuschauer, selten auf der Straße gegen den Krieg.
Unbewaffnete Gewalt an den Grenzen der Reichen-Refugien: Flüchtlinge, Bittsteller überwältigen unblutig die Hürden zu den gelobten Ländern, in die Zentren, bewältigen die langen, manchmal tödlichen Wege dahin, wo ihre Ressourcen schon lange sind. Bewaffnete Gewalt  –  irrationaler Reflex auf die irrationale Gewaltherrschaft der Wenigen über die Vielen  –  verheert die ohnehin verheerten Länder der Ränder, drängt mit Anschlägen in die Zentren.
Noch sind die Anschläge in Paris Nachrichten. Schon werden sie zu Kampfansagen, zu Racheschwüren. Als wäre der Krieg mit Krieg zu bekämpfen. Doch der Krieg ist längst verloren. Ein Frieden wäre zu gewinnen.


Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:
Am 14. November 2015 schrieb G. Pietrzak:
Wer weiß schon, wer das wirklich war  …  heutzutage. Ich glaub sowieso nichts mehr.
Antwort von Uli Gellermann:
Wer es konkret war, ist mir scheißegal. Nicht gleichgültig sind mir die Verhältnisse, aus denen das kommt. Und die werden in den Kommandozentralen des Westens hergestellt.
Am 14. November 2015 schrieb Volker Bräutigam:
Dieser Kommentar sollte ARD-aktuell zum Vorbild dienen. Er sollte als Ausdruck wahrhaftigen und aufrichtigen Gedenkens an die Toten einen Tag lang als Dauerschleife von allen Sendern angeboten werde, denn er ist schmucklos, direkt, vollständig und punktgenau. Mehr zu sagen ist nicht nötig. Es liefe doch nur auf Konfektionsware hinaus:  Gerede darüber, wie „die Europäer jetzt zusammenrücken“ und „wir in Europa uns jetzt als Schicksalsgemeinschaft begreifen“. Solange der letzte Satz des Kommentars nicht begriffen und Kernziel aller Politik wird, werden wir noch viele Attentate und Schrecken erleben. Und noch mehr Heuchelei aus den Präsidentenpalästen und Kanzlerämtern.
Am 14. November 2015 schrieb Johannes M. Becker, PD Dr.:
Ich rate jeder/m, der/die diesen Text nicht ernstnimmt, einmal einige Nächte in den Vorstädten (oder auch einzelnen Quartiers) von Paris, Lyon, Marseille  …   zu verbringen.
„Dort, wo die Gewalt der Herrschaft die Köpfe verkrüppelt …“
Am 14. November 2015 schrieb Reinhard Sichert:
Eine bedrückende Analyse, die mich sehr betroffen macht. Ob sie jedoch als Erklärung für den unfassbar brutalen Terror der letzten Nacht in Paris herhalten kann, ist zweifelhaft. Wer unter den Augen der Sicherheitskräfte imstande ist, ein solch menschenverachtendes Szenario zu planen und durchzuführen, kommt nicht von den Rändern, sondern aus dem Zentrum. Zur Durchsetzung seiner Ziele bedient er sich willfähriger Werkzeuge von den Rändern.
Am 14. November 2015 schrieb Hans Rebell-Ion:
Es trifft am meisten unschuldige Zivilisten! Jeder „moderne“ Krieg … ob sog. „KRIEG gegen den TERROR“ oder ob „RACHE-KRIEG“ gegen die „ANTI-TERROR-KRIEGER“: GEWALT ist TERROR  … TERROR ist der SCHRECKEN von „beiden Seiten“! FLÜCHTLINGE und PARIS-ANSCHLÄGE sind die unvermeidbaren „KOLLATERAL-SCHÄDEN“ des „KRIEGEN“-Wollens  „s e i n e s“  FRIEDENS! Wie dumm ist bloß diese „KRIEGEN-KULTUR“!?
Am 14. November 2015 schrieb Anne-Kathrin Schönhausen:
Es ist zum Heulen, Ihr Text, aber mehr noch die Lage!