Michael Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik anrichtet, München, 5. Auflage 2015

Michael Lüders, Islamexperte und häufiger Kommentator in Funk und Fernsehen, geht in seinem Bestseller den Ursachen der desaströsen Folgen westlicher Militärinterventionen im Nahen und Mittleren Osten auf den Grund.

Er beginnt mit dem „Sündenfall“ der CIA und des britischen Geheimdienstes von 1953 im Iran: Der „Kampagne zur Installierung einer pro-westlichen Regierung im Iran“ – so der Titel des erst seit 2013 freigegebenen Dokumentes der CIA von 1953 zum Sturz der demokratisch gewählten Regierung Irans und ihres Premierministers Mohammed Mossadegh. „Ohne Putsch 1953 keine Islamische Revolution 1979 – diese Einsicht fällt der amerikanischen Politik noch immer schwer“, schreibt Lüders auf S. 21.

Zum Thema „Afghanistan“ zitiert Michael Lüders aus einem Interview der französischen Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“ vom Januar 1988 mit Zbigniew Brezinski, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und nach wie vor politisch höchst aktiv. Lüders zitiert – vor dem Hintergrund der aktuellen IS-Gefahren sowie der Kriege in Irak und Syrien – einen brisanten Interview-Abschnitt:

„Der frühere CIA-Direktor Robert Gates schreibt in seinen Memoiren, dass die amerikanischen Geheimdienste den afghanischen Mudschahedin schon ein halbes Jahr vor der sowjetischen Invasion Hilfe zu leisten begannen. Sie als damaliger Sicherheitsberater waren daran beteiligt,
nicht wahr?

Brezinski: Ja. Die offizielle Version lautet, dass die CIA-Hilfe für die Mudschahedin im Laufe des Jahres 1980 einsetzte, also nach dem sowjetischen Einmarsch am 24. Dezember 1979. Die Wirklichkeit aber, das wurde bisher geheim gehalten, sah anders aus. Am 3. Juli 1979 hat Präsident Carter die erste Direktive unterschrieben, um den Gegnern des pro-sowjetischen Regimes in Kabul still und leise Hilfe zu leisten. Am selben Tag noch habe ich dem Präsidenten geschrieben. Ich habe ihm erklärt, dass diese Hilfe meiner Meinung nach eine sowjetische Militärintervention herbeiführen würde. (…)

Haben Sie selbst die Absicht verfolgt, dass die Sowjets einen Krieg beginnen und nach Mitteln und Wegen gesucht, das zu provozieren?

Nicht ganz. Wir haben die Russen nicht gedrängt zu intervenieren, aber wir haben wissentlich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es dazu kommen würde.

Als die Sowjets ihre Intervention mit der Absicht begründeten, dass sie das geheime Engagement der USA in Afghanistan bekämpfen wollten, hat ihnen niemand geglaubt. Dennoch war die Behauptung nicht ganz falsch. Bereuen Sie heute nichts?

Was denn bereuen? Die geheime Operation war eine ausgezeichnete Idee. Das Ergebnis war, dass die Russen in die afghanische Falle gelaufen sind, und Sie verlangen von mir, dass ich das bereue? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten hatten, schrieb ich
Präsident Carter: Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verpassen. Und tatsächlich, fast zehn Jahre lang war Moskau gezwungen, einen Krieg zu führen, der die Möglichkeiten der Regierung bei Weitem überstieg. Das wiederum bewirkte eine allgemeine
Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des Sowjetreiches.

Und Sie bereuen nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt zu haben, in dem Sie künftige Terroristen mit Waffen und Knowhow versorgten?

Was ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“ (S. 24-26).

Würden die gleichen Fragen dem noch lebenden Zbigniew Brezinski heute gestellt – wie würde er heute darauf antworten?

Michael Lüders zeigt die aktuelle Fortsetzung dieser Politik mit einem Zitat aus der „New York Times“ vom 24.3.2013 auf: „Mit Hilfe der CIA haben arabische Regierungen und die Türkei ihre militärische Unterstützung für oppositionelle Kämpfer in Syrien erheblich ausgeweitet“ (S. 76).

Auf S. 103 lässt der Autor den ehemaligen CIA-Mitarbeiter Graham Fuller zu Wort kommen:

„Die USA hatten nicht die Absicht, den Islamischen Staat zu erschaffen. Aber deren zerstörerische Interventionen im Nahen Osten und der Krieg im Irak waren die beiden entscheidenden Geburtshelfer des IS“.  Lüders fährt fort: „Dessen militärische Führung besteht
wesentlich aus der alten Saddam-Generalität, die vor allem mit Amerikanern und Briten noch eine Rechnung offen hat. Ihr Ansinnen ist schlicht, aber offenbar nicht schlicht genug, um nicht doch möglicherweise den gewünschten Effekt zu erzielen. Sie will Amerikaner und Europäer zu einer Bodenoffensive verleiten. Wohl wissend, dass diese einen solchen Krieg nicht gewinnen könnten – siehe Afghanistan, siehe Irak in den Jahren der Besatzung – und sich auf politischen
Treibsand begeben würden. Das erklärt die provokanten Enthauptungen britischer und amerikanischer Geiseln, die größte Empörung auslösten und den innenpolitischen Druck besonders auf Präsident Obama verstärkten, endlich ‚etwas zu tun‘. Vorstellbar auch, dass der IS durch Terroranschläge in Europa eine westliche Intervention mit Bodentruppen zu provozieren sucht. Für den ‚Islamischen Staat‘ wäre sie eine willkommene Gelegenheit. ‚Kalif Ibrahim‘ würde sich als moderner Saladin inszenieren, der den Kreuzfahrern die Stirn bietet,
er würde zum globalen Dschihad gegen die Ungläubigen aufrufen. Eine riskante Strategie, denn der IS würde ebenfalls einen hohen Preis bezahlen – doch nicht besiegt werden zu können ist für eine Guerillaarmee bereits der halbe Sieg. Nicht zuletzt mit Blick auf die Emotionen, die eine weitere großangelegte Militärintervention in einem islamischen Land unter Muslimen weltweit auslösen würde“ (S. 103).

Michael Lüders zieht folgende Schlussfolgerungen:

„Westliche Politik begeht einen großen Fehler, indem sie den Wahhabismus gewähren lässt, die Muslimbrüder hingegeben als Bedrohung sieht. Richtig wäre es andersherum. Der zweite große Fehler besteht in der irrigen Annahme, eine ’sunnitische Koalition‘ der Golfstaaten und der Türkei wäre in der Lage, den ‚Islamischen Staat‘ zu besiegen. Das kann nicht gelingen, weil die Golfmonarchien jenseits ihrer Klientel über keinerlei Glaubwürdigkeit verfügen und nicht allein unter radikalen, sondern auch unter vielen gemäßigten Sunniten Abscheu erregen“ (S. 132).

Lüders schreibt: „Um den ‚Islamischen Staat‘ wirksam entgegen zu treten, nämlich mit lokalen Bodentruppen, braucht es die syrische Armee, die längst wie eine Miliz agiert. Sie allein ist in der Lage, dessen Guerillaverbände zu bekämpfen. Dafür müssten westliche Regierungen über ihren Schatten springen und ihre Differenzen mit dem Assad-Regime beilegen oder
wenigstens doch vertagen“.

In seinem Abschlusskapitel „Die neue Weltunordnung: Ein Ausblick“ schreibt Michael Lüders: „Die USA und mit ihnen die Europäer verfolgen zwei grundlegende Interessen: ihre Versorgung mit Energie, mit Erdöl und Erdgas, einschließlich der Sicherung der Transportrouten, und die
Sicherheit Israels, wobei Sicherheit fortgesetzte Herrschaft über die Palästinenser meint“ (S. 168). Seiner Wahrnehmung nach ist durch eine neue globale „Multipolarität“ eine „Unübersichtlichkeit“ entstanden: „Diese neue Unübersichtlichkeit verlangt nach Diplomatie,
Interkulturalität und Pragmatismus. Nichts deutet darauf hin, dass die Regierungen und Meinungsmacher in westlichen Staaten die Zeichen der Zeit verstanden hätten“ (S. 171).

Michael Lüders beendet sein Buch mit einem flammenden Appell:
„Verlassen wir uns nicht auf Politiker oder Publizisten, die in ihrem Provinzialismus längst erstarrt sind. Übernehmen wir selbst Verantwortung, im Bewusstsein unserer Privilegien. Lernen wir Demut und Bescheidenheit, bei allem Stolz auf unsere eigene Kultur. Je eher wir begreifen, dass Millionen Menschen allein im Nahen und Mittleren Osten einfach nur zu überleben versuchen, umso leichter fällt es auch, ihnen beizustehen. Vor allem jenen, die zu uns kommen, als Flüchtlinge. Helfen wir ihnen, hier Wurzeln zu schlagen, denn sie werden bleiben. Ächten wir Antisemitismus und Islamhass. Zeigen wir Härte denen gegenüber, die unsere Freiheit missbrauchen. Dazu gehören auch und vor allem diejenigen, die Wind säen und Sturm ernten, nicht allein im Orient. Der richtige Ort für sie ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. An dem Tag, an dem dort Anklage gegen die großen Verderber und Schreibtischtäter erhoben wird, oder wenigstens doch gegen einige von ihnen, allen voran George W. Bush, Dick Cheney, Tony Blair, Donald Rumsfeld, hat sich das Wort von der ‚westlichen Wertegemeinschaft‘ tatsächlich mit Leben erfüllt“.