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ND – Knut Mellenthin über die Ausländerhetze des Publizisten Jürgen Elsässer

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Ein falscher Freund

Knut Mellenthin über die Ausländerhetze des Publizisten Jürgen Elsässer und vermeintlich »antideutsche« Meinungsmache von RTdeutsch

In der rechtsextremen Ausländerhasser-Szene gilt Jürgen Elsässer – »Wir sind Volkes Stimme« – als Kultfigur. Aber dass Wladimir Putin auch nur seinen Namen kennt, ist unwahrscheinlich. Trotzdem scheint der 58-jährige Deutsche zu glauben, dass er mit dem russischen Präsidenten Schweine gehütet habe. Kumpelhaft, wenn auch nicht mehr ganz zeitgemäß, spricht er Putin von Zeit zu Zeit auf seiner Website als »Genossen« an und erteilt ihm derbe Ratschläge, die schon mal einen überheblichen Kommandoton durchklingen lassen.

Elsässers aktuelles Anliegen, das er am 24. Juli auf seiner Website vortrug: Putin solle die Redaktion des deutschsprachigen Programms von »Russia Today«, RTdeutsch, »feuern«. Begründung: Der Sender betreibe »primitive linksradikale Antifapropaganda gegen das deutsche Volk«. Konkret geärgert hatte sich der Möchtegern-Rechtspopulist über einen am Vortag ausgestrahlten Beitrag, der sich kritisch und ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen antimuslimischer Demagogie und rechtsextremen Gewalttaten auseinandergesetzt hatte. Das sei »antideutsche Hetze«, wetterte Elsässer, der in den 1990er Jahren selbst einer der führenden Köpfe der »Antideutschen« war. Und diese »Hetze« ziehe sich auch sonst durch die innenpolitische Berichterstattung von RTdeutsch. Dessen Journalisten seien »Parasiten des russischen Staatshaushaltes«, denen »das Geld aus Moskau in den Hintern geschoben« würde. Elsässers Empfehlung an Putin: »Beenden Sie diese Peinlichkeit! Am besten, Sie schicken russisch-patriotische Journalisten, die der deutschen Sprache mächtig sind, zum Neuaufbau von RTdeutsch nach Berlin. Wie ich gehört habe, gibt es da so einige.«

Das klingt, als hätten rechte russische Kreise den Deutschen vorgeschoben, um auf diesem Umweg ihre Vorstellungen über die Gestaltung der Auslandspropaganda durchzusetzen. Und es soll wohl auch bewusst so klingen. Elsässer hält sich oft in Russland auf und versucht gern den Eindruck zu erwecken, er stünde mit einflussreichen Russen in Verbindung, die seine Ansichten teilen. Das ist wahrscheinlich Hochstapelei, schadet aber dennoch dem Ansehen Russlands, wenn es auf Dauer unwidersprochen bliebe.

Einen Tag nach seinem Appell an Putin richtete Elsässer einen Aufruf an seine treuen Leser und andere Ausländerhasser: Man möge ihm doch bitte »Informationen« über »Multikulti-Morde an Deutschen« zuschicken. Vor dem Hintergrund einer ansteigenden Welle rechtsextremer Gewalttaten gegen Flüchtlinge und andere Einwanderer soll bewiesen werden, dass in Wirklichkeit die Deutschen die Opfer und die anderen die Täter sind. Elsässer: »86 von Migranten ermordeten Deutschen standen sechs von Rechtsradikalen ermordete Migranten gegenüber.«

Diese Zahlen beziehen sich angeblich auf die Jahre 2009 bis 2013. Sie stammen aus keiner amtlichen Statistik, denn – wie Elsässer selbst zutreffend konstatiert – Daten nach solchen fragwürdigen Kriterien werden von der Polizei nicht erfasst oder zumindest nicht veröffentlicht. Um so eifriger tragen Ausländerhasser Zeitungsmeldungen zusammen, die ihren Vorurteilen entsprechen. Einschlägige Internetseiten wie »Politically Incorrect« basteln daraus fast täglich neue Collagen, in denen alle Migranten als Kollektiv von Vergewaltigern, Schlägern, Räubern und Mördern diffamiert werden.

Die »Multikulti-Morde an Deutschen«, zu denen Elsässer jetzt noch Material »aus der Lokalpresse oder aus oppositionellen Medien« sucht, sollen das Highlight der Oktobernummer seiner Zeitschrift werden, deren Schwerpunkt der »Asyl- und Multikultiwahnsinn in unserem Land« sein wird. Dieses Thema wird zunehmend obsessiv zum einzigen, mit dem Elsässer sich noch befasst. Opposition gegen die USA läuft nur als Alibi und Dekoration mit. Russland hat viele Feinde. Es braucht nicht zusätzlich auch noch Freunde dieses Schlages.