Spielfigur Asarow – Gegenregierung für Kiew proklamiert l junge Welt

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Spielfigur Asarow

Gegenregierung für Kiew proklamiert

Von Reinhard Lauterbach

Es war im Grunde unnötig, dass russische Medien sich von ihren anonym-offiziösen Quellen zuflüstern ließen, dass die Gründung des »Komitees zur Rettung der Ukraine« unter dem früheren Ministerpräsidenten Nikolaj Asarow mit Billigung des Kreml erfolgt ist. Das konnte sich jeder denken, dass ein in puncto Einmischung in innere Angelegenheiten äußerst sensibles Land wie Russland »siebenmal abmisst, bevor es einmal schneidet« und in seiner Hauptstadt die Proklamation einer Gegenregierung für ein Nachbarland gestattet.

Um der Metapher des zitierten russischen Sprichworts treu zu bleiben: Moskau signalisiert mit der Duldung von Asarows Proklamation, dass das Tischtuch zur gegenwärtigen ukrainischen Regierung zerschnitten ist. Die Hoffnung, mit Petro Poroschenko, Arsenij Jazenjuk oder zur Not einem von beiden handelseinig zu werden, ist offenbar beerdigt. Weder wirtschaftlicher noch politischer Druck haben geholfen: Die prowestlichen ukrainischen Machthaber sind bereit, ihr Land zum antirussischen Bollwerk der USA zu machen, auch wenn dies die Volkswirtschaft ihres Landes ruiniert. Dieser Nebeneffekt des geopolitischen Kurswechsels steht im Mittelpunkt der Proklamation des Rettungskomitees. Die Hoffnung Asarows – und hinter ihm des Kreml – geht nun offenbar dahin, dass die Wirtschaftskrise die Ukrainer wenn schon nicht zur politischen Vernunft bringen – denn das hat noch keine Krise geleistet –, so doch wenigstens der Kiewer Regierung abspenstig machen könnte. Tatsächlich ist die Unzufriedenheit mit den aktuellen Machthabern in der Ukraine groß, weder Poroschenko noch Jazenjuk haben nach aktuellen Umfragen derzeit Mehrheiten. Aber die Gefahr ist groß, dass diese Unzufriedenheit die ukrainische Gesellschaft eher noch weiter nach rechts drängt – oder die Spaltung des Landes beschleunigt. Letztere Option wird vom Kreml inzwischen offenbar billigend in Kauf genommen, obwohl sie keines der strategischen Probleme lösen würde, die Russland mit den Folgen des Staatsstreichs vom Februar 2014 hat. Vor einigen Tagen hat sich ein ehemaliger ukrainischer Staatsanwalt in einer Kleinstadt des Gebiets Odessa zum »Volksgouverneur von Bessarabien« ausrufen lassen; ähnlich ging es im Frühjahr 2014 im Donbass auch los.

Ob Asarow ernsthaft glaubt, an der Spitze seines Rettungskomitees irgendwann einmal nach Kiew zurückkehren zu können, weiß vermutlich nur er selbst. Seine Äußerung in Moskau, der Weg zurück nach Donezk führe über Kiew, zeigt aber, dass seine Aufgabe nicht darin besteht, die aufständischen Volksrepubliken zu ersetzen. Die haben immerhin ein paar Divisionen, Asarow einstweilen keine. Im übrigen: der Aufstand im Donbass war auch eine Rebellion der Ostukrainer gegen die korrupte Macht der Partei der Regionen, dieselbe Rebellion, die im Westen des Landes unter nationalistischen Parolen den Maidan hervorbrachte. Asarow war Teil dieser Macht, mehr als ein kleineres Übel.