junge Welt – »Die Zahl der Abrufe steigt kontinuierlich« Bilanz zur Sommerpause von RT-Deutsch

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Bilanz zur Sommerpause von RT-Deutsch: Das deutsche Publikum hat großen Bedarf an systemkritischer Berichterstattung. Ein Gespräch mit Iwan Rodionow

Interview: Peter Wolter

Iwan Rodionow ist Chefredakteur des deutschen Programms von Russia Today

Seit etwa einem dreiviertel Jahr sendet RT Deutsch von Berlin aus per Internet. Sie haben jetzt Sommerpause – wie kommt das halbstündige Programm bei den deutschen Zuschauern an?

Seit Beginn unserer Sommerpause am 1. Juli haben wir weiter am Sendeformat für unser Videoprogramm gearbeitet, so dass wir uns ab dem 1. September neu präsentieren können. Unser Internetportal wird laufend aktualisiert, wir produzieren auch das eine oder andere Video vor.

Das Portal zeigt deutlich, wie groß beim deutschen Publikum der Bedarf an systemkritischer Berichterstattung, an alternativen Meinungen und Standpunkten ist. In der vergangenen Woche hatten wir laut Statistik etwa eine Million Abrufe und mehr als 260.000 »User«, die unsere Seite besucht haben. Generell ist es so, dass die Zahl der Abrufe kontinuierlich steigt.

Die etablierten deutschen Medien haben von Anfang an giftig auf RT Deutsch reagiert, der Vorwurf lautet, er sei ein Propagandasender Russlands. Gibt es mittlerweile differenziertere Einschätzungen?

Nein, das wäre mir aufgefallen. Dass uns Propaganda vorgeworfen wird, ist doch reine Projektion. Wer mag es schon, wenn ihm der Spiegel vorgehalten wird?

Wie wir wissen, geraten die großen deutschen Medien immer stärker in Misskredit. Nach Meinungsumfragen haben etwa 60 Prozent der Deutschen kein Vertrauen mehr in ihre Leitmedien.

Die Schuld daran wird aber keineswegs in der eigenen Berichterstattung gesucht, sondern man hält Ausschau nach einem Sündenbock. Und der ist schnell ausgemacht: Medien wie RT Deutsch würden mit Desinformationen, listigen Verdrehungen und böser Propaganda die Köpfe der naiven deutschen Fernsehzuschauer verwirren.

Aber ist es Sache der Medien, sich zum Richter aufzuspielen? Oder sollte man nicht das Publikum entscheiden lassen? Wir jedenfalls haben immer mehr Resonanz, viele Leser und Zuschauer arbeiten uns auch mit Informationen zu. Sie schicken uns Videos oder Fotos zu Themen, die sie bewegen und die von den etablierten Medien ignoriert werden.

Haben Sie dafür ein Beispiel parat?

Ein Zuschauer aus Norddeutschland schickte uns Fotos, die Militärtransporte der US-Army in Richtung Osten zeigten. Wir haben aus seinen Informationen einen Beitrag gemacht, der dann überraschend oft angeklickt wurde. Ein aktuelles Thema also, das die etablierten Medien aber komplett ausblenden.

Wir wollen uns mit Themen profilieren, die diese Systemmedien unterschlagen oder bei denen der Zuschauer oder Leser das Gefühl hat, dass ohnehin alle Redaktionen in die gleiche Kerbe schlagen. Dann geht man lieber auf die Suche nach anderen Information und stößt irgendwann auf RT Deutsch.

Das russische Auslandsprogramm ist westlichen Regierungen natürlich ein Dorn im Auge. Mitunter werden Korrespondenten schikaniert, es wird sogar offen administrativ vorgegangen: Großbritannien zum Beispiel hat jetzt das Konto der Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya gesperrt. Rechnen Sie damit, dass ähnliches auch in Berlin geschehen könnte?

Nichts ist ausgeschlossen. Wenn so etwas geschähe, wäre aber der Beweis erbracht, dass Deutschland in der Postdemokratie angekommen ist. Abgesehen davon versucht man auch heute schon, uns zu boykottieren. Es ist nicht einfach, Gesprächspartner für unsere Interviews zu finden. Es gehört offenbar Mut dazu, bei RT Deutsch aufzutreten, da muss man schon mental robust und unabhängig sein.

Wir hatten Anfragen zu Interviews an alle großen Parteien verschickt, auch an etliche der Leitmedien. Von den Grünen gab es sogar zwei Zusagen. Die eine wurde am Tag darauf zurückgenommen, die andere hängt seit einem Jahr in der Luft.

Andererseits wollten uns etliche Medien interviewen: NDR, Spiegel, Tagesspiegel, ZDF, Die Welt, um nur einige zu nennen. Wir haben darauf mit der Forderung reagiert, dass wir umgekehrt auch deren Redakteure befragen. Die Reaktion darauf war zum Teil blankes Entsetzen: Wie kommt Ihr denn auf diese Idee? Wir sind die Fragesteller!

Wir werden aber weiter versuchen, den Kreis unserer Gesprächspartner zu erweitern, auch wenn wir auf Widerstände stoßen.