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junge Welt l Die Bezahlung griechischer Schulden mit russischen Krediten passt Brüssel gar nicht – Von Reinhard Lauterbach

https://www.jungewelt.de/2015/05-28/038.php

Aus: Ausgabe vom 28.05.2015, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Es ist eine alte Finanzweisheit, dass man nur hoch genug verschuldet sein muss, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner umzukehren. Griechenlands Anteil an der Wirtschaftskraft der Euro-Zone aber liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Das reicht nicht für einen solchen Befreiungsschlag. Desto alarmierter zeigten sich Griechenlands »Geldgeber« ob der Möglichkeit, dass Moskau an Athen drei oder fünf Milliarden Euro Transitgebühren für russisches Gas aus der geplanten Pipeline »Turkish Stream« im voraus zahlen könnte. Wenn diese Leitung dann über Griechenland nach Südeuropa verlängert würde. Die USA schickten extra einen Emissär in die Metropole am Saronischen Golf, um der Regierung davon »abzuraten«, sich an der Weiterführung der russischen Leitung zu beteiligen. Jetzt hat Brüssel offensichtlich die nächste Raketenstufe bei der Erpressung gezündet. Wie der stellvertretende russische Finanzminister Sergej Stortschak dem Onlineportal Swobodnaja Pressa sagte, hat die EU Griechenland förmlich verboten, das in Rede stehende russische Geld anzunehmen. Angesichts der laufenden »Hilfsprogramme« dürfe Athen nirgendwo anders Schulden machen als bei seinen bisherigen Gläubigern in Brüssel und Washington.

Im Zivilleben würde jedes Gericht solches Verhalten eines Gläubigers ohne Wimpernzucken als sittenwidrig einstufen und die entsprechende Klausel annullieren. Schließlich gehört doch zum Markt der Wettbewerb, oder hatten wir da etwas überhört? Inzwischen sind es übrigens ausgerechnet die USA, die die EU zu etwas mehr Entgegenkommen gegenüber Athen auffordern – im Interesse ihrer antirussischen Energiestrategie. Finanzminister Jacob Lew sagte an die Adresse Brüssels gewandt, bei einer Krise wisse man nie, wie sie ende. Wohl wahr: Ein Griechenland, das aus dem Euro herausgedrängt wird, unterläge auch nicht mehr den Schuldenobergrenzen des Maastricht-Vertrages. Niemand könnte es hindern, einen wie auch immer politisch motivierten Kredit Moskaus anzunehmen und den westlichen Erpressern den Stinkefinger zu zeigen. Die Ukraine demonstriert mit umgekehrten Vorzeichen, wie man es macht. Da kein Investor dem Land mehr freiwillig Geld leiht, ist die neueste Anleihe Kiews gleich mit einer Regierungsgarantie der USA versehen. Damit macht sich das Land zwar zum Gespött, weil es offen zugibt US-Protektorat zu sein, aber es geschieht immerhin für den »richtigen« Zweck. Was täten wir ohne unsere Doppelstandards.