junge Welt l Streit der Begriffe: Faschismus versus »Nationalsozialismus«

Der reichste Schatten in der Hölle

Streit der Begriffe: Faschismus versus »Nationalsozialismus«

Von Matthias Krauß

»Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.« So mahnte der Dresdner Sprachforscher Victor Klemperer, 1945 einer der wenigen Juden der Stadt, die den Hitlerfaschismus überlebt hatten. Er hat mit diesen Worten aus seinem bekanntesten Werk »LTI – Lingua Tertii Imperii« (Sprache des dritten Reiches) eindringlich davor gewarnt, die Begriffe oder den Sprachgebrauch der Nazis ungeprüft und vertrauensselig zu übernehmen. Das Werk erschien in der sowjetischen Besatzungszone. Der Westen hielt sich bezeichnenderweise an genau diese Aufforderung nicht. 25 Jahre lang wurde in der BRD um die beiden Begriffe Faschismus und Nationalsozialismus gerungen. Der NS-Begriff hat den Sieg davongetragen. Einstige DDR-Bürger hatten sich nach 1990 dem anzupassen. Selbst bei den Linken gehört »Nationalsozialismus« inzwischen zum festen Sprachgebrauch.

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