Publizist Jürgen Todenhöfer – Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS)

Jürgen Todenhöfer: Möge Allah IS-Chef Al Baghdadi stoppen!

Der Publizist Jürgen Todenhöfer hat sich vor wenigen Monaten im Irak selbst einen Eindruck von der grausamen Militanz des „Islamischen Staats“ gemacht. Darüber berichtet er in seinem Buch „Inside IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat'“.
Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) war im letzten Jahr militärisch ungewöhnlich erfolgreich. Doch seine Ziele und Methoden sind nach den Geboten des Koran unislamisch. Sie diskreditieren die gesamte Religion, in deren Namen der IS zu kämpfen vorgibt. Terror hat mit Islam so wenig zu tun wie Vergewaltigung mit Liebe. Der selbst ernannte „Kalif“ Abu Bakr Al Baghdadi und seine Kämpfer sind deshalb auch keine „Gotteskrieger“. Wenn es so etwas überhaupt gibt.

Ich habe den Koran mehrfach mit großem Gewinn gelesen. Den Geist der Brutalität, den der IS bewusst verbreitet, habe ich darin nicht gefunden. Es sei denn, man reißt die Darstellungen der Angriffskriege der Mekkaner gegen das militärisch unterlegene Medina Mohammeds in den Jahren 623 bis 630 aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang.

Der Kerngedanke des Islam, sein für die damalige Zeit revolutionärer Aufruf zu Gerechtigkeit, Gleichheit und Barmherzigkeit, ist dem IS fremd, obwohl diese zentrale Botschaft den Koran wie ein roter Faden durchzieht. Kein Wort taucht im Koran als Beschreibung Gottes häufiger auf als das Wort Barmherzigkeit.

Im Islam gibt es keinen Zwang in Glaubensfragen. Der IS aber mordet bestialisch, nur weil die Opfer Schiiten, Alawiten, Jesiden oder demokratiefreundliche Sunniten sind. Religiöse Toleranz war über Jahrhunderte eine der meist gerühmten Tugenden islamischer Herrscher. Wo ist sie geblieben beim „Kalifen“ Al Baghdadi?

Im Islam gibt es ein klares Verbot von Angriffskriegen. Der Prophet Mohammed hat nie solche geführt. Er wurde immer nur angegriffen – von den militärisch weit überlegenen, andersgläubigen Mekkanern. Auch verbietet der Koran unmissverständlich die Tötung von Zivilisten, Frauen, Kindern und alten Menschen. Die IS-Anhänger aber richten unschuldige Menschen auf widerlichste Weise hin. Sie vergewaltigen Frauen, eine Abscheulichkeit, die der Koran aufs Schärfste verurteilt. Das soll islamisch sein?

Im Islam ist die Zerstörung religiöser Stätten untersagt. Der IS aber schändet und zerstört Kirchen, Synagogen, schiitische, ja sogar sunnitische Moscheen. Auch das ist vollkommen unislamisch.

Die Liste mit fast demonstrativen Verstößen gegen den Koran ließe sich beliebig verlängern. Im Grunde ist – bis auf Äußerlichkeiten – alles Handeln des IS ein Gegenprogramm zum Islam. Eigentlich müsste Al Baghdadi seine eroberten Gebiete in „Anti-Islamischer Staat“ (AIS) umbenennen.

Rückwärtsgewandter Reaktionär

Was Al Baghdadi sagt und tut, ist auch ein Gegenprogramm zum Wirken des Propheten. Mohammed war barmherzig. Al Baghdadi ist erbarmungslos. Mohammed war ein nach vorne blickender Revolutionär. Al Baghdadi ist ein rückwärtsgewandter Reaktionär. Zu unterstellen, dass Mohammed, einer der dynamischsten Reformer der Geschichte, noch 1400 Jahre nach seinem Tod nach den Sitten und Bräuchen des Altertums leben würde, ist absurd. Al Baghdadi predigt daher in Wirklichkeit nicht den Islam, sondern seine wirre, blutige Privatreligion und seine eigene Art Privat-Scharia.

Anhänger des IS verweisen darauf, dass der völkerrechtswidrige Irakkrieg der US-geführten Koalition viel mehr Menschen das Leben gekostet habe. Das dürfte zurzeit noch stimmen, zumindest wenn der Vormarsch des IS nicht bald gestoppt wird. Ich selbst habe mehrfach gefordert, dass sich die Verantwortlichen des Irakkriegs vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten müssten. Auch Bush und Tony Blair. Trotzdem verbietet sich ein Vergleich mit Al Baghdadi: Der frühere US-Präsident hat sich der Folterungen und Demütigungen in Abu Ghraib, Guantanamo oder Bagram wenigstens nicht öffentlich gerühmt; auch nicht der von GIs außerhalb von Kampfhandlungen begangenen Morde und Vergewaltigungen. George W. Bush hat diese beschämenden Taten nicht zum militärischen Programm erhoben. Auch nicht zum Programm seiner Religion. Er hat nie gezielt genussvoll inszeniert und zelebriert unschuldige Zivilisten ermordet. Er hat auch nie eine religiöse „Säuberung“ geplant, den größten Völkermord aller Zeiten, der alles in den Schatten stellen würde, was die Menschheit bisher erlitten hat.

Abu Bakr Al Baghdadi missbraucht die Ideale des Islams. Möge Allah ihn stoppen – Allah zusammen mit den wahren Muslimen! Sie müssen dem menschenverachtenden, anti-islamischen IS entgegentreten. Dem wahren, toleranten Islam und den 1,6 Milliarden gemäßigten Muslimen wünsche ich viel Erfolg. Sie und ihre Religion gehören nicht nur zur Kultur Deutschlands, sondern zur Kultur unserer Welt.
(Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger)

Ergänzung: Nach Berichten arabischer Medien (Alghad Press und Al-Youm Al-Thamen sowie Quellen aus der irakischen Stadt Mossul) soll Abu Bakr Al Baghdadi in einem israelischen Krankenhaus verstorben sein, wohin er zur Behandlung eingeliefert wurde nachdem er bei einer gemeinsamen Angriffsoperation der irakischen Armee und der Volksmilizen am 8. März schwere Verletzungen erlitten hatte. Abu Ala Afri soll zu seinem Nachfolger ernannt worden sein.
(Quelle: politaia.org)

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