Die katholischen Bischöfe und Hitlers Krieg

Rechtzeitig zum 8. Mai 2015 wirbt Heinrich Missalla mit seinem neuen Buch für ein „Erinnern um der Zukunft willen“

Von Peter Bürger – Rezension

http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/009147.html

Frühe unbequeme Arbeiten über die kirchliche Assistenz zugunsten von Hitlers Kriegen wie die Bücher von Gordon C. Zahn (dt. 1965) und Guenter Lewy (1965) kennt heute kaum noch jemand, obwohl ihre Lektüre noch immer lohnend wäre. Ganze Regalmeter sind zwischenzeitlich gefüllt worden mit kirchlich finanzierten Forschungen über die Jahre 1933 bis 1945. Diese Bände sind in der Regel nobel ausgestattet und vermitteln mehrheitlich ein Bild, mit dem man als Christenmensch – ohne Erschütterung – noch ganz gut leben könnte.

Bezeichnender Weise fehlen in dem reichhaltigen Sortiment so naheliegende Dinge wie eine kompakte Quellenedition mit allen bischöflichen bzw. kirchenamtlichen Voten zum nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Kritische Beiträge wie die Studien der katholischen Kirchenhistorikerin Antonia Leugers sind leider nach wie vor die Ausnahme. Eine wirklich umfassende und solide Monographie zum Thema „Kirchenleitung, Theologiebetrieb, katholische Publizistik und 2. Weltkrieg“ steht noch immer aus.

Wer alternative – nicht rechtfertigende oder verharmlosende – Forschungen über die kirchliche Beihilfe zum Krieg des „Führers“ sucht, wird zwangsläufig auf die Bücher des Theologen und pax christi-Mitglieds Heinrich Missalla stoßen. Sensibilisiert durch eine frühe Studie über die deutsch-katholische Kriegspredigt 1914-1918 hat dieser Autor maßgebliche Darstellungen zur „kirchlichen Kriegshilfe“, zur Militärseelsorge und zum Wirken des berüchtigten Feldbischofs Rarkowski vorgelegt. Siebzig Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges liegt nun sein aktuelles Buch mit folgender Thematik vor: „Wie die katholischen Bischöfe Hitlers Krieg unterstützt haben.“ Geschrieben ist das Werk für einen breiten Leserkreis. Man findet alle notwendigen Quellennachweise, doch nirgendwo quält den Leser eine abgehobene akademische Sprache: Wer klar sieht, kann auch verständlich schreiben. Eröffnet ist mit diesem überzeugenden Band für 2015 eine Debatte, an der wir Katholiken uns nicht vorbeimogeln können.

In einer nichtöffentlichen Erklärung vom 15.9.1940 ließ Kardinal Bertram u.a. mitteilen, die Kirche bejahe „den gerechten [!] Krieg, insbesondere zur Sicherung von Staat und Volk“ und bete „um einen siegreichen [!] Ausgang dieses jetzt brennenden Krieges in einem für Deutschland und Europa segensreichen Frieden“. Darüber hinaus führt Missalla – von Texten des Feldbischofs F.J. Rarkowski abgesehen – jedoch keine gedruckten Bischofsworte an, in denen ausdrücklich von einem „gerechten Krieg“ die Rede ist. Indessen gibt es auch keine Belege dafür, dass der Gesamtepiskopat die Kriterien der traditionellen Lehre („bellum iustum“) überhaupt befragt hätte. Hitlers Kriege begannen 1939 nicht zuletzt auch mit hundertfachen Priestermorden in Polen. Die Hirten der Kirche wurden nachweislich über Kriegsverbrechen der Wehrmacht informiert.

Wie nun, so fragt Missalla, stellen sich die Dinge dar, wenn die Bischöfe von einem „ungerechten (!) Krieg“ ausgegangen wären? Wie konnten sie unter dieser Voraussetzung allen Katholiken den Gehorsam gegenüber der – nationalsozialistischen – Kriegsobrigkeit und die Pflicht zum „tapferen“ Kriegsdienst in der Wehrmacht predigen? Wie muss man dann Beschwörungen, Pathos und Feindbilder in ihren Äußerungen einordnen? Darf man schließlich einzelne Amtsträger wie etwa den ausgesprochen hitlertreuen Franz Justus Rarkowski (oder den von Eugenio Pacelli im Juni 1933 geweihten Alois Hudal) stillschweigend von den Verheißungen der apostolischen Nachfolge ausnehmen, andere aber nicht?

Missallas Fragestellungen lassen keinen billigen Ausweg zu aus jenen Abgründen, die durch die Kriegsweisungen der bischöflichen Autoritäten ansichtig werden. Es geht ihm nicht um individuelle Befindlichkeiten oder eine nachträgliche Beschämung ausgewählter Bischofspersönlichkeiten. (Im Rahmen der postmodernen „Historisierung“ und Perspektiven-Beliebigkeit kreist man ja gerne um das „persönlich-private Gedenkbuch“ von Episkopen; aber das hat nichts mit einer kirchlichen Sichtweise zu tun!) Der Dreh- und Angelpunkt ist das kirchliche Amt, welches in der Kirche eine zuverlässige Orientierung an der Botschaft Jesu gewährleisten soll und bei den Getauften Gehorsam einfordert. Und hier wirft die bischöfliche Kriegspredigt 1939-1945 – unter der Voraussetzung eines kirchlichen (!) Standpunktes – ein theologisches Problem sondergleichen auf, das kirchenamtlich bis heute nicht einmal ansatzweise benannt wird oder Konsequenzen gezeitigt hat. Die Bischöfe sind in einer Frage, in der es um das Leben vieler Millionen Menschen ging, fast ausnahmslos irregegangen. (Manche von ihnen hingen gar einer völkisch infizierten „Theologie“ an.)

Hat die Christenheit hierzulande nach Niederwerfung des Nationalsozialismus – anders als nach dem 1. Weltkrieg – etwas gelernt? Heinz Missalla geht es nicht um abgeschlossene „Vergangenheiten“, denn sein Kernanliegen lautet: „Erinnern um der Zukunft willen.“ Für die Zeit ab 1945 behandelt er nicht nur die vorherrschenden Verdrängungsstrategien und erneute staatstreue Voten von Moraltheologen für Wiederbewaffnung oder Atombomben, sondern auch den Einspruch von katholischen Nonkonformisten wie Reinhold Schneider.

Zum Schluss wird im Buch deutlich, dass die gegenwärtige Bischofskonferenz das neue Leitbild des „gerechten Friedens“ nicht mit besonderem Nachdruck oder gar leidenschaftlich verfolgt. An dieser Stelle hätte die Kritik aus meiner Sicht schärfer ausfallen können. In den Diskursen über Militärdoktrinen werden seit langem geostrategische und ökonomische Gesichtspunkte geltend gemacht, die sich weder durch Grundgesetz oder Völkerrecht noch durch die Friedensethik der gesamten christlichen Ökumene rechtfertigen lassen: Wohlstandssicherung, freie Märkte allüberall, freie Handelswege und „freie Seefahrt“ für eine mächtige Exportnation, (privilegierte) Rohstoff- und Energieversorgung, Abwehr sogenannter „illegaler Immigration“ (d.h. der Armen) … Wenn die immer noch staatlich dotierten Bischöfe hierzulande zu solchen militärischen Planungsvorgaben nicht laut und deutlich Stellung beziehen, üben sie sich – auch ohne eigene Kriegsvoten – in „staatskirchlichem Wohlverhalten“. Das darf – um Jesu und der einen menschlichen Familie willen – nicht sein! Franziskus, Bischof von Rom, spricht derweil längst Klartext: Damit ein Wirtschaftssystem, das über Leichen geht, „fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben“ (Juni 2014). Die christliche Antwort lautet: „Teilen, nicht töten!“ (Friedhelm Hengsbach SJ)

Die Edition des neuen Buches von Heinrich Missalla zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist geradezu ein historisches Signal. Sie ehrt auch den Verlag der christlichen Leserinitiative Publik-Forum, der sich seit langem in einzigartiger Weise verdient gemacht hat durch aufklärende Publikationen über den kirchlichen „Führer- und Kriegsgehorsam“ in deutschen Landen.

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