V. I. Kamyshanov – Die Wahrheit über den Großen Vaterländischen Krieg als Antwort auf die Bedrohungen von Frieden und Sicherheit im XXI. Jahrhundert

Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges:

V. I. Kamyshanov, Präsident der Föderation für  Frieden und Verständigung, einer internationalen    gesellschaftlichen Organisation; Kandidat der politischen Wissenschaften, Dozent an der  Russischen Akademie für Volkswirtschaft und staatliche Verwaltung beim Präsidenten der Russischen Föderation.

Der Sieg der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg und die Rolle der anderen Teilnehmer der Antihitlerkoalition im Zweiten Weltkrieg werden in der heutigen Welt immer öfter nicht nur nicht miteinander verbunden, sondern das Eine wird dem Anderen gegenübergestellt.

Und während sich in unserem Land niemand anmaßt, die Rolle und den Beitrag der Verbündeten an diesem gemeinsamen Sieg zu schmälern, wurde außerhalb Russlands das Bemühen, den Tag des Sieges, zu dem unser Land den entscheidenden Beitrag geleistet hat, vergessen zu machen, zum absoluten Selbstzweck der Ideologen der NATO. Das untergräbt gegenwärtig die Grundlagen von Friedens und Sicherheit in der heutigen Welt.

Das Gedenken an die Zeit, da das Sowjetvolk und seine Verbündeten den Faschismus zerschlugen, versinkt immer mehr in die Tiefe der Jahre. Grundlage für eine sichere und stabile Entwicklung ist heute die Schaffung von Bedingungen für die allseitige Erziehung und Bildung vor allem der jungen Generation, die nur aus den Erzählungen der Älteren und aus Büchern die Möglichkeit hat, etwas über die große Heldentat der vereinten Völker  zu erfahren, die im Verlauf des Zweiten Weltkrieges den deutschen Faschismus und den japanischen Militarismus besiegten. Mein Land hat zu diesen unsagbar schweren Sieg den Hauptbeitrag geleistet und dafür mehr als  25 Millionen seiner Bürger opfern müssen. Wir haben kein Recht, das Vermächtnis dieser im Kampf um ihre nationale Befreiung und Freiheit Gefallenen zu verraten, ebenso wenig, wie das Vermächtnis von Millionen Menschen der anderen Länder der Antihitlerkoalition.  

Das Verständnis der Bedeutung dieses Sieges und der neuen Gefahr, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges zu keimen begann, war der Grund für den Zusammenschluß der Menschen im Kampf für den Frieden, die die Schrecken des Krieges durchgemacht hatten und ihn als Mittel zur Erreichung politischer Ziele und maßloser Ambitionen begriffen hatten. Die Schaffung der Organisation der Vereinten Nationen war ein Ausdruck dieser Besorgnis auch seitens der führenden Staatsmänner. Eine ebenso große Bedeutung in diesen Friedensbemühungen nach dem Krieg hatte auch die breite Friedensbewegung gesellschaftlicher Kräfte. Der Stockholmer Friedensappell und das Russel – Einstein Manifest und viele andere Ereignisse bestätigen das.

Zugleich sind wir heute immer öfter mit dem Versuch konfrontiert, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges umzuschreiben. In den letzten Jahren beobachteten wir eine Vielzahl von Anstrengungen nicht nur von einzelnen Organisationen und Politikern sondern  auch von Staaten, die unmittelbar darauf gerichtet sind, den Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über Hitlerdeutschland aus dem Gedächtnis der Völker zu tilgen.

Wenn wir heute die Probleme der Geschichtsfälschung erörtern, stellen wir keine spekulative Frage nach Wahrheit und Lüge, sondern wir stützen uns auf jene zahlreichen Fakten, die heute die friedliebenden Kräfte aufrütteln müssen. Der Zweite Weltkrieg, der vom 22. Juni 1941 an unlösbar mit dem Großen Vaterländischen Krieg verbunden war, wurde zum blutigsten Krieg in der Welt.

Die Völker der Welt haben durch ihre Vertreter beim Nürnberger Prozeß das Wesen der begangenen Verbrechen eindeutig bewertet. Und die danach ergangenen Urteile über die Kriegsverbrecher haben in über Jahrzehnte geführten Nachfolgeprozessen mehrfach diese Bewertungen bestätigt.

Um so schlimmer nehmen sich heute nicht nur die Rechtfertigung sondern auch die Heroisierung der Kriegsverbrecher aus. Das mußte Protestreaktionen vor allem in unserem Land auslösen. Gerade deshalb sind die Föderation für Frieden und Verständigung und ihre Mtgliedsorganisationen entschieden gegen die Versuche aufgetreten, in Estland, in Lettland und in der Ukraine die faschistischen Verbrecher in Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit umzuwandeln.    

Die Weltgemeinschaft ist heute über den Verlauf der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges weitgehend desinformiert. Menschen, die im gemeinsamen Kampf  gegen den Faschismus vereint waren, gehen aus dem Leben. Sie vertraten verschiedenste politische, ideologische, philosophische und religiöse Überzeugungen, sie waren durch eines vereint – im Gedächtnis der Völker zu bewahren, dass der Faschismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war und bleibt. Deshalb verdient das Volk, das den Hauptbeitrag zur Zerschlagung des Faschismus und des japanischen Militarismus geleistet hat, die Achtung vor der Wahrheit über seine Heldentat. Wir sind doch immer häufiger mit offener Lüge bei der Bewertung der Rolle der sowjetischen Menschen im Kampf gegen Hitlerdeutschland und ihrem entscheidenden Beitrag für den Sieg  konfrontiert, die sich heute selbst hochrangige Politiker erlauben.

Es führt immer zur Wiedergeburt von Bedrohungen, wenn das Vergangene dem Vergessen überantwortet wird. Neonazismus, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit werden in der heutigen Welt  immer öfter zu den wichtigsten Nachrichten. Die Weltgemeinschaft muß heute die Erfahrungen der Antihitlerkoalition, für ein effektives Zusammenwirken im Kampf gegen die neuen Herausforderungen und Bedrohungen nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges nutzen. Eben diese Erfahrungen, die sich im antifaschistischen Kampf durch die Anstrengungen der Völker herausgebildet haben und die ihrer führenden Politiker, die das ganze Ausmaß der Bedrohungen des Nazismus erkannt hatten und über ihre persönlichen politischen Ziele und Ambitionen hinaus dachten.

Leider führen in der heutigen Welt ökonomische Probleme, der ideologische Hintergrund radikal nationaler Selbstidentifikation, ein ganzes Spektrum anderer Faktoren, wie die Zerstörung eines in sich geschlossenen Systems der Bildung, die ungenügende Kultur der politischen Führer in Europa und den USA zur Zerstörung eines umfassenden weltanschaulichen und kulturellen Raumes, was nicht nur ein Grund für Unverständnis und Konfliktsituationen ist, sondern auch für die Entfachung des Hasses gegen Russland. Das Baltikum, Georgien und die Ukraine wurden ein Experimentierfeld zum Studium der Möglichkeiten für die Aussaat von Russophobie. Die dabei gesammelte Erfahrung wird heute auf andere Länder, und nicht nur auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, übertragen.   

Im Verlaufe vieler Jahrzehnte bestimmte das erreichte Niveau der atomaren Bewaffnung den Sicherheitsstandart in der Welt. Die später einsetzende Stagnation des Abrüstungsprozesses ruft heute ernsthafte Besorgnis hervor: inwieweit ist das heutige Verantwortungsbewußtsein der USA und ihrer Bündnispartner ausreichend für eine Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen und ihrer Anwendung im Verlauf militärischer Konflikte?

Die Ideologie der Verfälschung der historischen Wahrheit, darunter auch der mit den heutigen Ereignissen verbundenen, führt zu wachsenden Spannungen. Vor unseren Augen vollzogen sich unrechtmäßige Handlungen im System der internationalen Beziehungen. Verschleiert durch Verfälschung von Fakten, der Manipulation von Information, aber auch einfach durch Lüge wurden die Kriege gegen Jugoslawien, Irak, Libyen entfesselt, erfolgte die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Länder Nordafrikas, des Nahen Ostens und des Kaukasus.

Das deutlichste Beispiel für die Erhöhung der militärischen Spannungen ist seit nun schon mehr als einem Vierteljahrhundert die Politik der Erweiterung der NATO, die Schaffung eines neuen Systems der Raketenabwehr in Europa , weitere offene militaristische Schritte, die von den Vereinigten Staaten in der ganzen Welt  unternommen werden.

Die Ideen liberaler Freiheit und Demokratie schaffen – wie traurig das auch ist – Bedingungen für die Wiederbelebung von Kräften, die sich heute zu den Ideen des Faschismus und Nazismus, der Durchsetzung revanchistischer Ziele bekennen. Diese gefährliche Politik, die durchaus Ansätze zur Auslösung von Kriegen beinhaltet, wie das mit dem „Münchner Komplott“ 1939 und dem 1946 in Fulton formulierten „Kalte Krieg“ war, führt zur Desorientierung der jungen Generation und des neuen politischen europäischen Establishments.

Europa muß die ganze Gefährlichkeit des Handelns jener Politiker und Massenmedien erkennen, die versuchen die Ereignisse von vor 70 Jahren zu verfälschen.

Bei der Bewahrung des Andenkens und bei der Abwehr seiner Verfälschung kommt heute der auf Initiative der führenden Staaten der Antihitlerkoalition geschaffenen Organisation der Vereinten Nationen eine wichtige Rolle zu, deren 70. Jahrestag ebenfalls im Jahre 2015 begangen wird.

Allerdings erinnert man sich heute selten an die Beschlüsse der UNO, offensichtlich auch deshalb, weil nicht alle Großmächte bereit sind, ehrlich auf die Frage zu antworten – wer hat den entscheidenden Beitrag zum Sieg geleistet?

Das ist deshalb nicht verwunderlich, weil die Lüge, die heute in den Rang der Wahrheit erhoben wird, die ideologische Grundlage für die Verdrängung der Rolle und des Platzes Russlands und aller seiner Völker nicht nur bei der Befreiung Europas sondern auch seiner Bedeutung für die Formierung der Prinzipien der Sicherheit und Zusammenarbeit in der heutigen Welt darstellt.

Deshalb hat die Herausbildung einer  völkerrechtlichen Basis für die Verhinderung von Möglichkeiten der Verfälschung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges besondere Bedeutung. Heute wird die Leugnung des Holocaust völkerrechtlich als Verbrechen betrachtet. Die Lüge über die Rolle und den Platz der Völker unseres Landes beim Sieg über den Faschismus ist ein ebensolches Verbrechen und muß von der internationalen Gemeinschaft auf der Grundlage der geltenden Werte, so im Text der UNO-Charta und wie sie im Urteil des Internationalen Nürnberger Tribunals fixiert sind, festgeschrieben werden – dies ist ein Axiom für die Sicherheit der Gegenwart.

Gleichzeitig zeigt die Analyse des gegenwärtigen Zustandes der Friedensbewegung, dass viele Elemente, die eine große Bedeutung für die  Schaffung der nationalen Sicherheit eines Landes haben, verloren gegangen sind oder verloren gehen, während die Notwendigkeit einer eindeutigen Artikulierung der Probleme, die den Frieden bedrohen, unter ihnen auch das Vergessen der Rolle und des Platzes der Sowjetunion beim Sieg über den Faschismus, wächst.   

Die ökonomische Krise stellte die amerikanische Geschäfts- und politische Elite vor viele Fragen, die mit dem perspektivischen Erhalt der USA als einzige ökonomische und politische Führungsmacht in der gegenwärtigen Welt verbunden sind, darunter auch vor Fragen, die auf Kosten der Zerstörung des stabilen politischen und ökonomischen Raumes der Europäischen Union gehen.  

Das Projekt „Ukraine“ haben die USA vor allem im Bestreben gestartet, ihre eigenen ökonomischen Herausforderungen in der heutigen Welt zu lösen.

Wie groß die Gefahr dieses Prozesses ist, zeigt auch die Geschichte der gegenwärtigen Ereignisse in der Ukraine in ihrer ganzen Tragik, besonders die des vergangenen Jahres seit dem bewaffneten Staatsstreich.

Die blutigen militärischen Ereignisse in der Ukraine werden heute mit bestimmten politischen Ideologieen begründet, die sich auf uralte, bekannten Schreckgespenster zurückführen lassen über die „rote“ – die „sowjetische“ – die „russische“  Gefahr für die Welt. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es solche Schreckgespenster auch über das zaristische Russland. All das stellt eine fortlaufende Kette der Konfrontation mit dem mächtigen und dem an Energieträgern reich versehenen und sich ökonomisch entwickelnden  Russland dar. 

Wir sehen, wie sich heute neue Trennlinien im Verständnis der Rolle und des Platzes Russlands und der benachbarten Länder bei der Gewährleistung der internationalen Sicherheit herausbilden, deren Völker gemeinsam auf den Schlachtfeldern gegen den Faschismus gekämpft haben. Macht man ihren Inhalt zur Praxis des internationalen Dialogs, dann ist es sehr wichtig, sich der allgemein gültigen historischen Werte zu besinnen.

Es ist bei Weitem leichter, den kulturellen Dialog zwischen den Völkern auf den Weg zu bringen, als das Feuer entbrannter Konflikte zu löschen, die durch das Fehlen von tolerantem Denken ausgelöst werden bei Menschen , die von Kultur sehr weit entfernt und nicht in der Lage sind, Situationen nüchtern und global zu bewerten, die sich in einem bestimmten Moment herausgebildet haben.

Die Geschichte zeigt, daß eine besonders feste Grundlage für das gegenseitige Verstehen zwischen den Völkern mit der Kultur geschaffen wird.  

Das zwingt uns die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Verteidigung der Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg auf neue Weise zu betrachten, das Studium seiner Geschichte im Kontext mit dem Kampf gegen die Verfälschung der Rolle unseres Volkes und unseres gemeinsamen Landes in dem historischen Sieg und für die Bewahrung des Gedenkens der Generationen an die Helden des Großen Vaterländischen Krieges, die der entkräfteten und ausgebluteten Menschheit den Frieden gebracht haben. 

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