»Der Kalte Krieg umklammerte und vernebelte die Gehirne.« l Ossietzky 7/2015

Erschienen in Ossietzky 7/2015

Horst Schäfer

Die Presse fiel über den General her. Man verbat sich seine »törichten Belehrungen«. Zuvor war er schon im Zug nach Friedland von mehreren seiner ehemaligen Generals-Kumpanen als »elender Verräter« beschimpft worden. Was warfen sie und die Medien dem hohen Offizier vor?

Wir schreiben das Jahr 1955, und General Walther von Seydlitz-Kurzbach war gerade aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in seine Heimat zurückgekommen, in das niedersächsische Verden an der Aller. Seit Anfang der dreißiger Jahre hatte er in der Garnisonsstadt ein »berittenes Artillerie-Regiment« kommandiert und wohnte dort mit seiner Familie. Aber weshalb war der von Hitler so hochdekorierte Nazi-General bei seinen ehemaligen Bejublern und Anhängern in Ungnade gefallen?

Von Seydlitz erkannte zwar sehr spät, aber nicht zu spät, daß der Kampf für Hitler und um Stalingrad verloren war. Der Generalleutnant hatte sich zusammen mit Generalfeldmarschall Friedrich Paulus und der gesamten 6. Armee Ende Januar 1943 der Sowjetarmee ergeben, weil es ein »militärisch sinnloser Widerstand« sei. Der Artilleriegeneral war dann Mitbegründer und Präsident des »Bundes Deutscher Offiziere« geworden, der sich dem »Nationalkomitee Freies Deutschland« anschloß und sogar plante, deutsche Soldaten in den Kampf gegen Hitler zu führen. Hitler ließ ihn zum Tode verurteilen, seine Frau und die vier Kinder verfolgte er mit Sippenhaft.

Und was waren das nun für »törichte Belehrungen« des Generals, die die westdeutschen Journalisten 1955 so in Rage gebracht hatten? Zitieren wir dazu den Historiker und Biographen Bodo Scheurig, der 1982 in einem Vortrag (Heft 23, GDW 2001) in der »Gedenkstätte Deutscher Widerstand« in Berlin über den Empfang des Generals in der BRD sagte:

»Jetzt fielen Journalisten über den gerade Heimgekehrten her. Zudringlich fragten sie, ob er noch immer den Ideen des Offiziersbundes anhinge. Seydlitz erwiderte, daß nur ein freundschaftliches Verhältnis zur Sowjetunion den Weltfrieden sichern könne. Leider habe jedoch die Wiederbewaffnung, ›die der Westen einleitete‹, Chancen begraben und Deutschlands Spaltung vertieft. Die Presse tobte. Kommentare sprachen von ›Mißtönen aus unberufenem Mund‹, von ›törichten Behauptungen‹ eines Mannes, der ›an den Leiden des Volkes mitschuldig‹ sei.«

Die Meinung des Historikers Scheurig damals dazu: »Der Kalte Krieg umklammerte und vernebelte die Gehirne.« Die Aktualität dieses Kommentars ist erschreckend! Würde der 1976 verstorbene Seydlitz noch leben und Vergleichbares sagen, dann wären die einflußreichen Erben der Journalistenmeute von 1955 geifernd in seiner Spur. »Putin-Versteher« gehörte dann sicher noch zu den netteren Beschimpfungen, die der General in den Medien über sich fände. Die Gehirne vieler Medienmacher – dazu braucht man nur die Zeitungen aufzuschlagen oder das Fernsehen anzustellen – sind auch heute wieder, wie in den Adenauerjahren, vom Kalten Krieg »umklammert und vernebelt«.

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