junge Welt l Ukrainische Armee in Auflösung l Geleakte Dokumente des Geheimdiensts zeichnen schonungsloses Bild vom Zustand der Streitkräfte

Von Reinhard Lauterbach

Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU hat angeordnet, den Informationsfluss über Opfer und Verluste der eigenen Seite zu »regeln«. Nach einem von der Hackergruppe »Cyberberkut« geleakten Geheimdokument hat der SBU am 25. Januar die Order herausgegeben, dass private Nachfragen von Angehörigen über das Schicksal einzelner Soldaten nicht mehr beantwortet werden dürfen. Die Weitergabe solcher Daten soll beim SBU zentralisiert werden. Ziel ist, den »unkontrollierten Informationsfluss« zu stoppen.

Das Dokument zeichnet ein dramatisches Bild vom inneren Zustand des ukrainischen Militärs. Um den Desertionen von Wehrpflichtigen, die offenbar in hoher Zahl stattfinden, entgegenzuwirken, sollen im Hinterland der Front Sperrverbände aus Angehörigen der faschistischen Freiwilligenbataillone aufgestellt werden. Schon vor einigen Wochen hatte das ukrainische Parlament genehmigt, gegen Deserteure mit der Schusswaffe vorzugehen. Die Situation erinnert an die verzweifelten Versuche der faschistischen Führung Deutschlands, im Frühjahr 1945 den Zerfall der Kampfmoral der deutschen Wehrmacht aufzuhalten.

Andere von den Hackern veröffentlichte Geheimdokumente zeigen, dass der Schmuggel von Waffen und Sprengstoff aus dem Kampfgebiet ins Hinterland floriert und dass Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung an der Tagesordnung sind. So wurde am 17. Januar abends ein 31jähriger Bergmann von seinem Bruder und einem Kollegen tot ins Krankenhaus der Stadt Dserschinsk bei Donezk eingeliefert. Die Leiche wies zahlreiche Schussverletzungen auf. Die beiden Tatzeugen sagten gegenüber der ukrainischen Staatsanwaltschaft aus, sie seien zu dritt von der Arbeit nach Hause gefahren, als sie einer Militärkolonne begegnet seien. Aus dieser sei ein Jeep mit Bewaffneten ausgeschert und habe ihr Auto gestoppt. Die Soldaten hätten sie nach einer Durchsuchung in die Dunkelheit davongejagt, den dritten von ihnen mit den Worten »und den erledigen wir jetzt« ermordet.

Angesichts solcher Zustände ist es wenig verwunderlich, dass die laufende Einberufungswelle in der Ukraine auf wachsenden Widerstand der Zivilbevölkerung stößt.

Einzelheiten in der Wochenendausgabe von jungen Welt.

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https://www.jungewelt.de/2015/01-30/041.php