Im „Charlie Hebdo“-Massaker sehen Medien und Politik unisono einen Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit

Wer sich einige der kontroverseren C.H.-Karikaturen angesehen hat, mag sich fragen, wie weit Satire gehen darf bzw. wo die Grenze zu rassistischer Hetze überschritten ist, oder wo es zu Kollisionen mit den (ebenfalls universellen) Menschenrechten kommt. Diese Fragen sind durchaus offen. Waren die (ästhetisch vergleichbaren) Juden-Karikaturen im „Stürmer“ im Dritten Reich auch als Satire durch die Meinungsfreiheit gedeckt? Eine Diskussion, die im Prinzip nicht uninteressant wäre, wenn sie ehrlich geführt würde.

In Frankreich wurde aber wenige Tage nach dem Attentat der bekannte (und, wie Charlie Hebdo, umstrittene) Satiriker Dieudonné verhaftet. Ihm wird „Verherrlichung des Terrorismus“ vorgeworfen, weil er den Slogan „Je suis Charlie“ modifizierte und den Nachnamen eines Attentäters angehängt hatte, der in einem jüdischen Supermarkt Geiseln getötet hatte und dann seinerseits von der Polizei erschossen wurde.

s.a.:
http://www.zeit.de/kultur/2015-01/charlie-hebdo-dieudonne-kuenstler-frankreich-festnahme

Interessant sind dabei zwei Dinge:

Daß man für eine (wie auch immer geartete, aber offensichtlich satirische) Meinungsäußerung unter einem Anklagepunkt „Verherrlichung von Terrorismus“ in Frankreich legal festgenommen und mit bis zu 100.000 Euro Strafe belegt werden kann. Hallo Meinungsfreiheit!?

Und zweitens, wie hier ganz offen ein doppelter Maßstab angelegt wird. Wenige Tage zuvor hatte man noch bei C. Hebdo den „Angriff auf die Meinungsfreiheit“ als „Kriegserklärung“ gedeutet. Indem man (wie in der ZEIT) nun bei Dieudonné mehrfach herausstellt, daß er Antisemit sei, wird indirekt deutlich gemacht, daß Satire eben doch nicht *alles* darf. Genauer: Nicht jeder Satiriker darf alles. Bestimmte Geschmacklosigkeiten sind tabu. Andere Geschmacklosigkeiten – wie die von Charlie Hebdo – dagegen nicht: Möglicherweise weil sie gerade politisch opportun sind? (C.H. wurde aber auch schon in der Vergangenheit von diversen Seiten wegen seiner „Karikaturen“ juristisch verfolgt.) Aber wer legt eigentlich fest, was Satire darf und was nicht, wer ein Satiriker ist und wer ein rassistischer Haßprediger? Und wo bleibt der Aufschrei empörter Verteidiger der unbedingten Meinungsfreiheit: „Je suis Dieudonné“? – Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es sagen zu dürfen…?

Oder hat sich die angeblich so meinungstolerante westliche Gesellschaft gerade wieder einmal selbst entlarvt?

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