Bericht aus dem Donbass ll Christian Ferdinand Wehrschütz, österreichischer Journalist (ORF)

Interessante Anreise von Donezk nach Charkiw/Charkow mit einem Wechselbad der Eindrücke und Gegensätze. Zunächst Fahrt von Donezk nach Jasinovata (Ясинувата), wenige Kilometer vom Flughafen von Donezk entfernt. Seit etwas mehr als einer Woche ist es dortr ruhig. Doch im Znetrum leben in der Technischen Schule (Art Berufsbildende Schule) noch immer viele Flüchtlinge im Keller, darunter auch Kinder. Sie stammen oft aus der Gegend des Flughafens, der weiter umkämpft ist, daher Rückkehr nicht möglich. Dreh am Markt, teilweise sind die Bunden noch ausgebrannt; eine Kilo Kartoffel kostet vier Griwna, etwa 20 Cent; Unterbrechung des Drehs, weil das Baon Wastok die Akkreditierungen der Volksrepublik von Donezk nicht anerkennt. Mitnahme auf die Kommandantur; dann ruhiges Gespräch mit dem regionalen Kommandanten; sein Spitzname lautet „Kroate“; wurde sofort hellhörig; Nachfrage zeigte mir, dass er offenschtlich in Kroatien gekämpft hat. Dann Drehgenehmigung; wir drehen zerstörte Häuser und Geschäfte, wo gerade Schaufensterpuppen ausgeräumt werden. Eine ältere Dame spricht mich an; schließlich reden wir, und dabei kommt etwas sehr Nettes heraus; seit einigen Tagen arbeitet wieder ein Friseur in der Stadt; sie war dort – auf Pump – nach Wochen im Keller mit Familie und Enkel. Frisur kostete 30 Griwna, weniger als zwei Euro. Weiterfahrt nach Charkiw; ruhige Fahrt; Besuch in einem Flüchtlingsheim, das die Caritas aus Österreich unterstutzt; dasHeim hat ein Ehepaar mit privatem Geld ins Leben gerufen; Beitrag kommt in den nächsten Tagen; etwa 300 Bewohner, vor allem Frauen und Kinder; kaum Geld, keine Arbeit; Männer, die schwarz arbeiten, werden oft ausgebeutet; nur die Hälfte des Lohns der Bewohner von Charkiw. Große Hilfsbereitschaft von Freiwilligen und Bewohnern, Versagen der Bürokratie von Stadt und Staat. Großes Problem: Lager ist ehemaliges sowjetisches Pionierlager, war heruntergekommen, wurde und wird hergerichtet; noch kaum winterfest; warme Kleidung gibt es genug, aber zu wenig warme Schuhe; viele Bewohner husten bereits; Zimmer sind kalt, Wände teilweise feucht. Zunächst wollen die Flüchtlinge nur reden aber keine Interviews geben. Doch ich war in den meisten Orten, aus denen die Menschen stammen, und das Eis bricht. Den Flüchtlingen aus Lugansk schildern wir die Lage (war vor zwei Tagen dort), übergeben ein Exemplar der einzigen Zeitung, die derzeit in Lugansk erscheint und einen Griwna kostet. Morgen drehen wir im Lager weiter, auch die Delegation der Caritas. In der Nacht ist es bereits empfindlich kalt im Lager, auch in Charkiw. Dann Fahrt ins wenige Kilometer entfernte Zentrum; wirkt wie ein Kulturschock, obwohl ich die Stadt kenne. Mondänes Leben, eine Stadt für eine Wochenende, wunderschöne Parks, gepflegtes Znetrum, nette Restaurants; beim Hotel eine elektronische Werbetafel, auf der hintereinander ein Plakat gezeigt wird, das den ukrainischen Soldasten dankt und Werbung für Rolex-Uhren macht. Größer kann der Gegensatz zwischen den Welten kaum sein. So; nun habt Ihr einen Tag in meinem Leben; Beiträge kommen in Richtung zweite Wochenhälfte. Übrigens: Artillerieduelle in Mariupol dauern an; wenn da nicht noch etwas Größeres nachkommt …

 

Webseite von Christian Ferdinand Wehrschütz

http://www.wehrschuetz.at/

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