Brief vo Prof. Dr. Dr. Dieter Spethmann, ehemaliger Vorstandschef der Thyssen AG, an Bundespräsident Joachim Gauck

Brief vo Prof. Dr. Dr. Dieter Spethmann, ehemaliger Vorstandschef der Thyssen AG, an Bundespräsident Joachim Gauck. Anlass ist Gaucks Rede in Danzig zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939.

Ihre gestrige Rede in Danzig

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Sie haben laut Handelsblatt gestern in Danzig gesagt: Nach dem Fall der Mauer hätten die Europäische Union, die Nato und die Gruppe der großen Industrienationen Russland auf verschiedene Weise integriert. ,Diese Partnerschaft ist von Russland de facto aufgekündigt worden.’ Für beide Tatsachenbehauptungen blieben Sie Beweise schuldig. Kein Wunder, denn es gibt sie nicht.

Sie haben weiter gesagt: ,Deutschland darf weder aus Prinzip ‘nein’ noch reflexhaft ‘ja’ sagen.’ Die Bundesrepublik müsse bereit sein, mehr zu tun für jene Sicherheit, die ihr über Jahrzehnte von anderen gewährt wurde. Der erste Teil Ihrer Aussage deutet darauf hin, dass Deutschland verhandeln müsse. Damit stimme ich überein. Frau Merkel sieht das im Falle Ukraine ja auch so. Der zweite Teil Ihrer Aussage hingegen ist mir zu dunkel. Wenn Sie den ,Kalten Krieg’ meinen: Damals waren sowjetische Raketen, Flugzeuge und andere Truppen in Ostdeutschland stationiert, um Westdeutschland und Westeuropa anzugreifen. Diese aber sind seit dem Fall der Berliner Mauer abgezogen.

Ich rufe in Ihre Erinnerung zurück, dass es die Regierung Brandt/Scheel war, die im August 1970 in Moskau einen Vertrag mit der Sowjetunion schloss, mitten in dem von Ihnen zitierten ,Kalten Krieg’. Ziel dieses Vertrages war ,Wandel durch Annäherung’. Ich gehörte zu denjenigen Unternehmern, die dieses in die Praxis umsetzten, ,Röhren gegen Erdgas’ und vieles andere. Die Aufzüge im sowjetischen Fernsehturm von Moskau stammen von Thyssen aus Deutschland. Sie hingegen haben schon Ende vorigen Jahres eine Einladung des russischen Staates zur Olympiade in Sotchi abgelehnt, ohne ,Kalten Krieg’. Wie passt das zusammen?

Nein, die vielfältigen politischen Probleme, die Osteuropa heute bietet, sind nur durch Verhandlungen zu lösen. Sie aber rufen als Christ andere Christen auf, wieder gegen andere Christen zu den Waffen zu greifen. Das finde ich unchristlich.

Mit verbindlichen Empfehlungen

Ihr

Dieter Spethmann”

* Der am 27. März 1926 in Essen geborene Dieter Spethmann ist ehemaliger Vorstandschef der Thyssen AG. Er  modernisierte das Unternehmen und entdeckte die Transrapid-Technik in dem ehemaligen Kasseler Traditions-Unternehmen Henschel-Werke, das von Thyssen übernommen wurde. Spethman arbeitet heute als Rechtsanwalt in Düsseldorf.