http://www.jungewelt.de/2014/08-23/003.php
Der Schwarze Kanal: Der Kriegsausraster
Von Arnold Schölzel
Am 21. August vergangenen Jahres kamen etwa 1400 Menschen bei einem Chemiewaffenangriff in der Nähe von Damaskus ums Leben. US-Präsident Barack Obama wußte sofort, wer der Urheber war, und drohte mit Krieg. Für dessen Verhinderung wurde in den Medien Wladimir Putin »verantwortlich« gemacht.
Syriens Regierung bestreitet, den Angriff befohlen zu haben. Ein Motiv konnte sie jedenfalls nicht gehabt haben: Eine von ihr geführte Giftgasattacke war gleichbedeutend mit der Einladung an die USA, das Land zu bombardieren, d.h. zum offenen, nicht mehr nur verdeckten Interventionskrieg des Westens überzugehen. Der verdeckte Krieg hält bis heute an und hat u.a. den »Islamischen Staat«, dessen Kämpfer von den USA in Jordanien trainiert und ausgerüstet wurden, hervorgebracht. Damaskus legte zahlreiche Indizien vor, daß die sogenannte Opposition, vulgo Terrorgruppen à la »Islamischer Staat« (IS), das leicht herstellbare Sarin verwendet habe. Das wurde von mehreren westlichen Experten bestätigt. Sie wiesen auch darauf hin, daß der Angriff stattfand, als UN-Inspekteure in Syrien einen früheren, der »Opposition« zugeschriebenen Giftgasanschlag untersuchen wollten. Carla del Ponte, bis 2007 Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag und seit 2011 Mitglied einer vom UN-Hochkommissariat für Menschenrechte eingesetzten Untersuchungskommission für Syrien, hatte dazu am 5. Mai 2013 im Schweizer Fernsehen erklärt, »daß chemische Waffen verwendet wurden – nicht von der Regierung, aber von der Opposition«. Ihre Äußerung ging in einer medialen Wutkampagne unter. Als der US-Publizist Seymour Hersh im Herbst 2013 den Terrortruppen vorwarf, sich die Chemiewaffen über die Türkei besorgt zu haben, nahm das unter deutschen Journalisten kaum einer zur Kenntnis. Die auf den UN-Bericht zum 21. August gestützte Studie von zwei Experten des Massachusetts Institute for Technology (MIT) vom Januar 2014, wonach die Raketen, mit denen das Sarin verschossen wurde, nicht aus den Gebieten gekommen sein können, die unter Kontrolle der syrischen Regierung standen, war den Großmedien keine Erwähnung wert (siehe jW vom 20. Januar »Obamas Kriegslüge«).
Westliche Journalisten lassen sich von Tatsachen nicht die Meinung des US-Präsidenten, also ihre, kaputtmachen. Vor dem Jahrestag des 21. August war am Dienstag z.B. im Mittagsjournal des österreichischen Senders ORF von Karin Koller zu hören: »Es war vor fast genau einem Jahr, am 21. August hatte die syrische Armee nachweislich Giftgas eingesetzt.« Frau Koller lügt, aber das ist landläufig im Propagandagewerbe. Deutschlandfunk-Korrespondent Martin Zagatta hat dessen höhere Schule durchlaufen, er vermeldete am Donnerstag: »Das Regime von Präsident Assad bestreitet bis heute, hinter dem Anschlag zu stecken. Glaubhaft ist das nicht, befand auch Barack Obama.« Selten so gelacht? Der Washingtoner Schlächter von Tausenden Zivilisten per Drohne als ultimativer Beweislieferant für Kriegsverbrechen.
Nach dieser Devise kommentiert auch Christoph Sydow am Donnerstag auf Spiegel online unter der Überschrift »Assads Gift wirkt«: »Der Massenmord an 1400 Zivilisten hat sich für Syriens Diktator Baschar Al-Assad gelohnt.« Denn passiert sei »am Ende fast nichts«. Immerhin erwähnt Sydow, daß die UN-Untersuchung »eine eindeutige Schuldzuweisung« vermieden habe, aber das bringt einen Kampfjournalisten nicht ins Wackeln. Er weiß es besser als die UN-Experten: »Fast alle Indizien deuten jedoch darauf hin, daß die Truppen des Assad-Regimes Sarin gegen ihre Landsleute eingesetzt haben.« Vermutlich, um endlich US-Militär ins Land zu holen. Sydow weiter: »Die USA und ihre Verbündeten hatten Angst, sie würden mit einer Militärintervention die Dschihadisten in Syrien stärken.« Deswegen hätten sie sich auf einen »Kuhhandel« eingelassen: Assad liefert seine Chemiewaffen ab und »darf seither weiter Krieg gegen sein Volk führen«. Demnach haben die USA und ihre Verbündeten, die die Dschihadisten in Syrien als ihre zeitgenössische SA päppeln, Assad, der sie am Hals hat, die Lizenz zum Töten gegeben. Die deutschen Kriegspropagandisten waren schon mal besser.
Da fällt das Verdikt Sydows über den US-Experten, den er mit der Forderung zitiert, »der Westen solle mit Assad Frieden schließen, um IS zu bekämpfen« mit Konsequenz. Das Wort Frieden hören und ausrasten ist für Sydow eins: Das wäre der »Fehler aus dem vergangenen Jahr einfach noch mal«. Denn Frieden ist vom Satan, und Krieg muß sein – für Spiegel online.
Westliche Journalisten lassen sich von Tatsachen nicht die Meinung des US-Präsidenten, also ihre, kaputtmachen.
