Stimme der Vernunft
Ukrainischer General für Verständigung mit Donbass. Präsidialamt in Kiew spricht sich für diplomatische Lösung aus. Hintergrund: Stagnation der Kämpfe.
Der ukrainische Beauftragte für den Austausch von Gefangenen im Bürgerkrieg, Generaloberst Wladimir Ruban, hat zu einem Verhandlungsfrieden aufgerufen. In einem langen Interview mit dem prowestlichen Internetportal Ukrainskaja Prawda sagte er, der Krieg werde im Interesse bestimmter Kreise in die Länge gezogen. Man solle aufhören, die Verteidiger der »Volksrepubliken« im Donbass als Untermenschen und Terroristen zu bezeichnen. Ihre Führer seien Offiziere wie er, auf deren Ehrenwort er sich in seinen Verhandlungen immer habe verlassen können. Die einfachen Anhänger des Aufstands bezeichnete Ruban als ukrainische Bürger, die ebenso wie die Bewohner im Westteil des Landes auf dem Maidan in Kiew gestanden hätten. Viele seien unzufrieden damit, daß sich die Veränderungen seit dem Februar auf die Entfernung von Wiktor Janukowitsch aus dem Präsidentenamt beschränkt hätten. Ruban bestritt gegenüber der erkennbar ungläubigen Interviewerin der Ukrainskaja Prawda, daß im Donbass auf seiten der Aufständischen Russen kämpften; es gebe allenfalls einige »Berater«, ebenso wie es solche aus der NATO auf seiten der Regierungsarmee gebe. Auf die entgeisterte Frage der Journalistin, ob nicht ein Terrorist sei, wer die Zivilbevölkerung bedrohe, erwiderte Ruban trocken: »Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, daß jede Armee dazu da ist, die Bevölkerung zu bedrohen? Offiziere, die die Militärakademie abgeschlossen haben, sind ausgebildete Mörder.«
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21.08.2014 / Ansichten / Seite 8Inhalt
Friedensofferte
Versuchsballon aus Kiew
Von Reinhard Lauterbach
Der ukrainische Generaloberst Wladimir Ruban hat sich für eine Verhandlungslösung im Konflikt mit dem Donbass ausgesprochen. Es ist zweitrangig, ob der Militär mit allen seinen Äußerungen in der Sache recht hat. So kann man seine These, daß auch die Kämpfer des Donbass auf dem Maidan gestanden hätten, mit guten Gründen bezweifeln. Ähnliches gilt für die Aussage über die Abwesenheit russischer Kämpfer, wenn selbst auf Webseiten der Aufständischen zur Meldung von Freiwilligen über Telefonnummern mit Moskauer Vorwahl aufgerufen wird. Schließlich fällt auf, daß der General für das Foto zum Interview Zivil trug. Das Gespräch mit der prowestlichen und in den vergangenen Monaten sehr nationalistischen Ukrainskaja Prawda ist so möglicherweise der Versuchsballon einer Fraktion im Kiewer Machtgeflecht, um die Reaktion des eigenen Publikums für den Fall eines Kompromißfriedens zu testen.
Sollte diese Vermutung zutreffen, sind die Chancen gering, daß ein solcher Frieden kurzfristig in der Leserschaft der Ukrainskaja Prawda Akzeptanz finden könnte. Monate der Hetze gegen »Putler« und das »russische Vieh« sind nicht folgenlos geblieben. Der überwiegende Teil der Leserkommentare wirft Ruban in Abstufungen vor, ein russischer Agent oder ein Geschäftemacher mit fremdem Unglück zu sein. Freilich: die Reaktion sähe vermutlich anders aus, wenn man nicht nur das »proeuropäische« Intelligenzlerpublikum des Webportals befragte, sondern die Gesamtbevölkerung der Ukraine. Seit Wochen protestieren vor allem in der Provinz Eltern und Ehefrauen ukrainischer Soldaten und fordern, ihre Angehörigen aus dem Kampfgebiet zurückzuholen. Die hohen Verluste der Regierungstruppen lassen sich auf Dauer nicht verheimlichen. Selbst das westlich finanzierte Internetfernsehen hromadske.tv zeigt Videos von Soldaten, die ihre Transportzüge per Notbremse anhalten und von ihren Offizieren lautstark Fahrkarten nach Hause verlangen. Das ist noch keine Revolution, aber doch ein Faktor, mit dem die Hurrapatrioten langsam rechnen müssen. Schon hat das Kiewer Verteidigungsministerium eine »Verfriedlichung« der Bevölkerung moniert und kritisiert, daß kaum noch ein männlicher Bewohner des Landes eine Kalaschnikow auseinandernehmen und wieder zusammensetzen könne. Verbindliche vormilitärische Schulungen für alle erwachsenen Bürger sollen diesem Übel vom Herbst an abhelfen.
Der linke russische Autor Boris Kagarlitzky hat dieser Tage in seinem Blog geschrieben, die Regierungstruppen müßten gewinnen, den Aufständischen reiche es dagegen, nicht verloren zu haben. Vielleicht kommt das manchen Politikern in Kiew langsam zu Bewußtsein. Die immer kritischere Wirtschaftslage mag dieser Einsicht nachhelfen. Doch wer als erster zum Frieden aufruft, geht ein hohes Risiko ein. Ukrainische Dolchstoßlegenden werden nicht auf sich warten lassen. Hat jemand in Kiew den Mut, den Frieden zu versuchen?