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junge Welt ll Kopf um Kopf ll in der Ostukraine werden Lenin-Statuen zerstört

http://www.jungewelt.de/2014/08-18/050.php

In den von Kiews Truppen eroberten Gebieten in der Ostukraine werden Lenin-Statuen zerstört. Es gibt noch viel zu tun, so die NZZ: In Rußland existieren weitere 6000

Von Rüdiger Göbel

Die prowestlichen Machthaber leisten ganze Arbeit, Kopf um Kopf drückt Kiew auch dem Osten der Ukraine seinen Stempel auf: Statt Hilfslieferungen für die notleidende Bevölkerung in den seit Monaten umkämpften Gebieten zu schicken, rücken »Säuberungskommandos« an, um verhaßte Lenin-Statuen in all jenen Orten zu Fall zu bringen, in denen die Volksmilizen verjagt werden konnten. Jüngstes Beispiel: Die 470000 Einwohner zählende Stadt Mariupol am Asowschen Meer. »Unbekannte Täter« hätten in der Nacht zum Freitag ein acht Meter hohes Denkmal des russischen Revolutionsführers mit einem Seil zu Fall gebracht, meldete die Agentur dpa knapp. Die Stadtverwaltung habe den »Vandalismus« an der 27 Jahre alten Statue kritisiert.

Die Neue Zürcher Zeitung bringt dagegen Verständnis für das Wüten der Faschisten im Osten auf. »Die Ukrainer« wollten mit ihrer Vergangenheit endlich aufräumen, »sich vom schweren Ballast des kommunistischen Erbes befreien«, heißt es in einem Bericht vom 15. August. »Eine Lenin-Statue um die andere« werde deshalb in den Dörfern und Städten gestürzt, mal »im revolutionären Affekt«, meist organisiert durch »patriotische und nationalistische Organisationen«. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter lasse sich das »ukrainische Saubermachen besonders gut verfolgen«, begeistern sich die Schweizer.

Obwohl nach Meinung der NZZ ja eigentlich »die Ukrainer« mit ihrer Vergangenheit aufräumen wollen, mußte der Angriff auf Lenin in Mariupol »heimlich«, im Schutz der Dunkelheit erfolgen. Die Zeitung erklärt: »Die Industrieregion im russischsprachigen Osten galt zu Sowjetzeiten als Herzstück des kommunistischen Aufbaus. Die Menschen waren stolz, in den Berg- und Stahlwerken des Donbass zu arbeiten. Dementsprechend sitzt die Sowjetnostalgie besonders bei den älteren Einwohnern im Osten noch sehr tief. Dies dürfte wohl noch so bleiben, bis der Lenin in der Industriemetropole Donezk vom Sockel fällt.«

Die NZZ klärt auch gleich »die offene Frage«, nämlich welche Symbole fortan auf Plätzen in den ukrainischen Städten zu finden sein werden. »Im Westen der Ukraine ist es bereits heute der Nationalheld Stepan Bandera. Er baute in den dreißiger und vierziger Jahren in der Westukraine eine Untergrundarmee auf. Diese kämpfte unter anderem gegen die Sowjetarmee für einen unabhängigen ukrainischen Staat. In der Ostukraine, wo heute immer noch das sowjetische Geschichtsbild dominiert, gilt Bandera allerdings als Faschist und Terrorist. Deshalb kann seine Figur der Ukraine momentan kaum als einender Nationalheld dienen.« Was die Schweizer »vergessen« haben: Bandera »gilt« nicht nur als Faschist, er hat im Zweiten Weltkrieg die paramilitärische »Organisation Ukrainischer Nationalisten-B« (OUN-B) geleitet, die mit den Nazis kollaborierte und »unter anderem« Tausende Kommunisten und Juden ermordet hat.

Aber die Faschistenverharmloser bei der NZZ geben ihren Lesern auch mit, daß der Weg weit ist: In Rußland stünden heute »immer noch« 6000 Lenin-Statuen. Das seien nur 1000 weniger als 1991. Im Interview mit dem Deuschlandfunk bat der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin am Sonntag die Europäische Union und die NATO um militärischen Beistand. »Wenn solche Hilfe kommt, dann wäre es für unsere Truppen leichter, vor Ort zu agieren.«