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09.08.2014 / Ansichten / Seite 8Inhalt
Wieder im Krieg
US-Luftangriffe im Irak
Von Knut Mellenthin
Im Irak haben US-amerikanische Kampfflugzeuge am Freitag ein Artilleriegeschütz des »Irakischen Staats« (IS) angegriffen, der in den letzten Tagen bedeutende militärische Erfolge im Norden des Landes zu verzeichnen hatte. Die USA befinden sich damit erstmals seit Abschluß ihres Truppenabzugs im Dezember 2011 wieder im direkten Kampfeinsatz.
Daß Aktionen dieser Größenordnung nicht kriegsentscheidend sind, liegt auf der Hand. Allem Anschein nach handelt es sich nur um eine Warnung an die Islamisten und ihre sunnitischen Verbündeten, ihren Vormarsch auf Erbil, die Hauptstadt der weitgehend unabhängigen Kurdenregion, nicht fortzusetzen. Die vorgeschobene offizielle Begründung lautet, daß sich in der Stadt US-Bürger – Personal des dortigen Konsulats und »Militärberater« der kurdischen Truppen – befinden, die geschützt werden sollen. Aber in Wirklichkeit geht es weniger um den Schutz der Amerikaner – die man in solchen Situationen normalerweise aus dem Kampfgebiet zu evakuieren pflegt –, als um die Verteidigung des von den USA protegierten Kurdenstaates.
Ob es sich um den Einstieg der USA in eine weitere große Militärintervention handelt, ist zur Stunde nicht abzuschätzen und ist vielleicht auch den Verantwortlichen in Washington noch nicht ganz klar. Immerhin hat Obama seit der Eroberung von Mossul, der zweitgrößten Stadt Iraks, durch den IS am 10. Juni fast zwei Monate verstreichen lassen, ohne der bedrängten Regierung in Bagdad und ihren angeschlagenen Streitkräften zu Hilfe zu kommen. In der Zwischenzeit haben die Islamisten zwar einige Rückschläge erlitten, konnten aber ihren Vormarsch fortsetzen.
Auch wenn Obama und sein Außenminister John Kerry es immer wieder vehement bestreiten: Für die gegenwärtige Situation im Irak sind hauptsächlich die USA verantwortlich. Erstens, weil sie durch ihren Einmarsch im März 2003 einen funktionierenden Staat zerstörten und ein unregierbares Chaos hinterließen. Von 1,5 Millionen Christen, die vor der US-Intervention im Irak lebten, sind nur noch 350000 bis 450000 übrig, von denen die meisten gleichfalls nach Möglichkeiten suchen, das Land schnell zu verlassen. Daß dies in den USA, die sich als allerchristlichste Nation der Welt gebärden, keine Scham hervorruft, ist bezeichnend.
Zweitens sind die USA auch dadurch verantwortlich, daß sie in Kooperation vor allem mit Saudi-Arabien seit Jahrzehnten den internationalen »Dschihadismus« züchten, finanzieren und bewaffnen, um ihn später irgendwann zu bekämpfen, wenn ihnen das nützlich erscheint. So geschehen in Afghanistan, in Libyen, in Syrien und eben auch im Irak. Mal sollte auf diese Weise die Sowjetunion bekämpft werden, mal der Iran, oder es sollte einfach ein unliebsamer Politiker beseitigt werden. Hunderttausende Tote, Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen sind der Kollateralschaden dieser zynischen Strategie.
