http://www.jungewelt.de/2014/08-08/016.php
08.08.2014 / Kapital & Arbeit / Seite 9Inhalt
Dürfen die denn das?
Rußlands Regierung veröffentlicht Boykottliste für Waren aus EU und USA. Westmedien tun so, als sei das überraschend oder empörend
EU und USA müssen sich neue Abnehmer für Fleisch und Milchprodukte suchen. Waren dieser Art, die bislang in die Russische Föderation verkauft wurden, werden dort nicht mehr abgenommen. Von einem bereits am Mittwoch angekündigten einjährigen Einfuhrverbot sind auch Obst und Gemüse betroffen, teilte Regierungschef Dmitri Medwedew am Donnerstag in Moskau mit. Die Maßnahmen gelten auch für Produkte aus Australien, Kanada und Norwegen.
Die politische Führung in Moskau hatte bisher nur verbal auf die westlichen Sanktionen reagiert. Und sie scheint sich die praktische Antwort nicht leichtgemacht zu haben. Seine Regierung habe die Sanktionen sehr lange nicht erwidert, sagte Medwedew laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Das Land habe bis zuletzt gehofft, daß der Westen begreife, daß seine Politik in die Sackgasse führe. »Jetzt mußten wir antworten«, so Medwedew.
Es ist Rußlands bisher schärfste Reaktion auf die Wirtschaftssanktionen des Westens im Ukraine-Konflikt. Gegen das Nachbarland erließ die Regierung in Moskau außerdem ein Überflugverbot über russischen Luftraum. Ukrainische Fluglinien können nun nicht mehr auf dem kürzesten Weg zum Beispiel in die Türkei oder in die Südkaukasusregion fliegen. Medwedew sagte, der Importstopp werde streng überwacht. Zudem solle durch Kontrollen verhindert werden, daß für die weiter verkauften Waren die Preise steigen.
In Rußland weiß man, daß die Gegenmaßnahmen auch für das eigene Land »äußerst schmerzhaft« werden. Die EU verliere viele Milliarden Euro aus dem Obst- und Gemüsehandel mit Rußland, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Sergej Sutyrin von der Universität St. Petersburg am Donnerstag laut dpa. Zudem müßten die US-Produzenten auf einen lukrativen Markt für Rindfleisch und Geflügel verzichten. Der Moskauer Analyst Dmitri Polewoj sprach dpa zufolge von einer »Schocktherapie« für die russische Lebensmittelbranche. »Das Verbot betrifft zehn Prozent des Agrarimports, die jetzt schnell ersetzt werden müssen«, betonte er. Russische Medien werteten die Strafmaßnahmen aber auch als Chance für die heimische Industrie. »Das Verbot kann der Lebensmittelbranche endlich jenen Impuls verleihen, den sie für eine stärkere Entwicklung braucht«, kommentierte die Wirtschaftszeitung Wedomosti.
So will Rußland beispielsweise Geflügelimporte aus den USA einstellen. Dafür springt anscheinend Brasilien ein. Der Branchenverband des BRICS-Mitgliedes erklärte umgehend, man sei bereit zu helfen, um die entstehende Angebotslücke zu schließen. Brasilien könnte 150000 Tonnen Geflügel pro Jahr liefern. Doch nicht nur auf neue Geschäfte mit den BRICS-Staaten will man in Moskau setzen (neben Rußland gehören Brasilien, Indien, China und Südafrika zu dem Verbund der großen Schwellenländer). Medwedews Regierung will offenbar infolge des vom Westen angezettelten Wirtschaftskrieges mehr Waren aus südamerikanischen Ländern importieren. Gespräche waren nach dem gestrigen Donnerstag mit den Botschaftern Ecuadors, Brasiliens, Chiles und Argentiniens geplant, meldete Interfax unter Berufung auf die Lebensmittelaufsicht.
Im Westen kommentiert man das mit einer Mischung aus Selbstgerechtigkeit und Empörung. »Putin verhängt Importstopp – und schadet Rußlands Bürgern« titelte Spiegel online. Auf faz.net zeigte man sich erstaunt über »das Ausmaß« des Importstopps. Dieses »übersteigt die Erwartungen vieler Beobachter enorm«. Und US-Präsident Barack Obama wurde von den Agenturen mit der Feststellung zitiert, daß Rußland zunehmend isoliert dastehe.
jW-Bericht, Quellen: dpa, Reuters, RIA-Nowosti
http://de.ria.ru/business/20140807/269225809.html
EU-Gesandter: Europa verliert Milliarden durch russisches Lebensmittelembargo
Das russische Importverbot für Lebensmittel könnte Europa laut dem EU-Gesandten in Moskau, Vygaudas Ušackas, zwölf Milliarden Euro kosten.
„Wir haben die konkreten Waren, die unter Sanktionen fallen, noch nicht substantiell analysiert, doch könnte das (der Exportverlust) zwölf Milliarden Euro erreichen“, sagte Ušackas am Donnerstag dem Radiosender Govorit Moskwa. Diese Summe sei bedeutend.
Deutsches Business fordert Russland und EU zu Verhandlungen auf
Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OADW) fordert Russland und die Europäische Union auf, auf beiderseitige Sanktionen zu verzichten und Verhandlungen miteinander durchzuführen. Das erklärte der Vorsitzende des OADW, Eckhard Cordes, als er die von der Russischen Föderation beschlossenen Einschränkungen für die Einfuhr westlicher Agrarerzeugnisse in das Land kommentierte.
„Die Wirtschaftssanktionen der EU und die Antwortmaßnahmen der Russischen Föderation werden die ohnehin angespannte wirtschaftliche Situation zuspitzen“, stellte er fest. Nach Cordes’ Ansicht würden im Falle einer Fortführung des Handelskonfliktes zwischen der EU und Russland Tausende von Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik und in der Russischen Föderation gefährdet werden.
