http://www.jungewelt.de/2014/08-07/002.php
Nach außen steht die Gesellschaft in dem von Kiew kontrollierten Teil der Ukraine hinter der Staatsführung und der »Antiterroroperation« im Osten des Landes. In den Hauptstadtmedien wird über Sammlungen von Geld und Versorgungsgütern für die kämpfenden Truppen berichtet, in der Westukraine fuhren monatelang Frauen über die polnische Grenze und kauften dort je einen Stahlhelm plus eine kugelsichere Weste für die Truppen, um ein damals noch bestehendes Waffenembargo zu unterlaufen. Homestories präsentieren Ehefrauen von Soldaten, die persönlich Hilfskonvois an die Front organisieren – und machen damit auch klar, daß die ukrainische Armee ihren eigenen Nachschub nicht im Griff hat.
Das Heldengemälde bekommt weitere dunkle Flecken, wenn man in die Lokalpresse schaut. Mal sind es Soldatenfrauen und -mütter, die in der Industriestadt Mikolajiw eine wichtige Straßenbrücke mit der Forderung blockieren, ihre im Donbass eingeschlossenen Männer und Söhne zurückzuholen. Die Aktion war nicht schlecht organisiert. Über Handy meldeten sich während der Blockade die Soldaten aus dem Kampfgebiet und berichteten von den Bedingungen an der Front. Ihre Schilderungen sind nicht geeignet, den in den prowestlichen Medien geschürten Hurrapatriotismus zu bestätigen. Die Rede war von fehlender Verpflegung und nicht passender Munition, es mangele an Trinkwasser, und die örtliche Bevölkerung sei feindselig eingestellt.
Ein anderes Mal sind es Dorfbewohner in der tiefen westukrainischen Provinz, die vor Amtsgebäuden gegen die kürzlich angelaufene dritte Mobilisierungswelle zu den ukrainischen Streitkräften protestieren. Besonders kritisch ist die Lage offenbar im Transkarpatengebiet, wo die dort lebende ungarische Minderheit nicht für die Ukraine sterben will. Aber auch aus Luzk, der Hauptstadt des Bezirks Wolhynien im Nordwesten der Ukraine, berichtete die Lokalzeitung dieser Tage, daß nicht einmal die Hälfte der einberufenen Männer zur Musterung erscheine. Ein Teil sei wahrscheinlich zur Arbeit in Polen, führte die Autorin des Textes zur Erläuterung aus. Andere nutzten schlicht den Umstand aus, daß das Meldewesen in der Ukraine über Jahre vernachlässigt worden sei, so daß der Staat nicht wisse, wo er seine Bürger antreffen könne. Postboten berichten, daß Bürger den Empfang amtlicher Schriftstücke verweigern, in der Annahme, Unkenntnis der Mobilisierungsbefehle schütze vor ihrer Befolgung. Ein Irrtum, wie der örtliche Musterungsleiter der Zeitung erläuterte: Die Strafe für die Entziehung vom Wehrdienst sei gerade von zwei auf fünf Jahre erhöht worden.
Ob hinter der Wehrunwilligkeit in der ukrainischen Provinz eine Stimmung gegen den Bürgerkrieg im allgemeinen steht, ist schwer einzuschätzen. Sicher ist, daß der Krieg eine heftige Gerechtigkeitsdebatte ausgelöst hat. Es gibt keine Demonstration gegen die Mobilisierung ohne die Frage, wo die Söhne der Herrschaften Politiker seien: An der Front, im schönen Kiew oder vielleicht gleich im Ausland? Hinzu kommt, daß offenbar die etwas Wohlhabenderen sich von der Einberufung freikaufen können. Die Preise für eine Untauglichkeitsbescheinigung schwanken von 300 US-Dollar im ärmlichen Luzk über 600 in Lwiw bis zu über 1000 Dollar in Kiew. Solche Listen kusieren im Internet und sorgen für das verbreitete Gefühl, daß es bei der Mobilisierung nicht mit rechten Dingen zugehe.
Inzwischen zeigt diese Debatte politische Folgen. Schon kündigte der Landwirtschaftsminister an, Bauern während der Ernte- und Aussaatperiode von der Einberufung auszunehmen und ihre persönliche Situation stärker zu berücksichtigen. Und Staatspräsident Petro Poroschenko regte gar an, künftig die Stellen der Musterungsleiter mit im Kampf verwundeten Offizieren zu besetzen und dafür die Beamten der Wehrersatzämter an die Front zu schicken. Wenn es so käme, wäre das militärisch völliger Nonsens, weil der Truppe im Donbass anderes fehlt als »Schreibstubenhengste«. Es zeigt aber, daß Poroschenko versucht, den Protesten beizeiten die Spitze abzubrechen, bevor sie sich gegen den Krieg als solchen richten. Denn das Ressentiment gegen die vermeintlich prassende Etappe ist auch bei den kämpfenden Einheiten verbreitet und könnte sich gegen das Kiewer Regime wenden.