Angriffe ohne Angreifer
Ukraine: Gorlowka und Lugansk unter Beschuß. Presse verschweigt Urheber
Von Reinhard Lauterbach
Der Artilleriebeschuß von Städten im ostukrainischen Donbass ging auch am Wochenende weiter. In Gorlowka erhöhte sich die Zahl der getöteten Bewohner auf 30, die Stadtverwaltung berichtete von mehr als 100 Verletzten. Auch die Rebellenhochburg Lugansk war wieder unter Beschuß. Dort kamen am Wochenende drei Zivilisten ums Leben. Kiew behauptete, die Aufständischen würden ihr eigenes Hinterland beschießen, um die Taten der Armee in die Schuhe schieben zu können. In der ukrainischen Presse ist dabei eine spezifische Sprachregelung zu beobachten. Neben Angriffen, die direkt den Aufständischen angelastet werden, gibt es eine zweite Kategorie von Meldungen, in denen anonymer »Artilleriebeschuß« zu Toten und Verletzten führt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß mit diesen subjektlosen Berichten Angriffe der Regierungstruppen gemeint sind.
Der vorige Woche von den Regierungstruppen eingerichtete »humanitäre Korridor« zur Flucht aus Lugansk wird offenbar nur mäßig genutzt. Wie die Leitung der »Antiterroroperation« mitteilte, haben seit dem Bestehen des Angebots etwa 360 Bewohner davon Gebrauch gemacht. Das dürfte auch an den erniedrigenden Bedingungen der Kiewer Streitkräfte für den freien Abzug liegen. Die Zivilisten müssen sich und ihr Gepäck mit weißen Fahnen – dem Zeichen der Kapitulation – kennzeichnen und sich in einem Übergangslager einer »Filtrierung« unterziehen. Damit sind Verhöre gemeint, die nach offizieller Lesart verhindern sollen, daß sich Aufständische unter die Flüchtlinge mischen.
Einstweilen gibt es auch Fluchtbewegungen anderer Art. In der vergangenen Woche haben gut 50 Angehörige der ukrainischen Streitkräfte ihre Einheiten verlassen und sind auf russisches Gebiet übergetreten. Sie begründeten diesen Schritt teils mit der mangelhaften Versorgung der Truppe mit Verpflegung und Ausrüstung – so passe die gelieferte Munition nicht zu den verwendeten Waffen –, teils auch mit ihrem Unwillen, weiter gegen das eigene Volk zu kämpfen.
An der nach wie vor von Aufständischen kontrollierten Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeugs soll am Montag eine Kommission aus niederländischen und australischen Experten ihre Untersuchungsarbeit fortsetzen. Das Gebiet steht allerdings immer wieder unter Beschuß. Auch hier werfen sich beide Seiten gegenseitig vor, die Ermittlungen zu behindern.