„irrelevante Frage“ / Netanjahu verbittet sich Kritik

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04.08.2014
Nachschlag: Irrelevante Frage
Interview, Sa., 7.15, Deutschlandfunk

Der israelische Soziologe Natan Sznaider, derzeit in Berlin, wirbt um Verständnis für das rücksichtslose Vorgehen der Regierungstruppen in Gaza. Angesprochen auf das Verhältnis von drei getöteten israelischen Zivilisten seit Beginn der Offensive gegenüber mehr als 1000 toten Palästinensern verweist er auf »das Gefühl« seiner Landsleute, »wirklich belagert zu sein«. Und rechtfertigt die Angriffe auf Gaza. Der Interviewer läßt nicht locker, fragt nach Mitgefühl für die palästinensischen Opfer – »wirklich eine irrelevante Frage im Moment«, so Sznaider ungerührt. Mit Bildern des Grauens versuche man, sich in israelischen Medien »so weit wie möglich zurückzuhalten«. Im übrigen: »Diese Anspielung, daß wir nicht genug Tote aufzuweisen haben, finde ich richtig unverschämt.« (shu)

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04.08.2014 / Ausland / Seite 7Inhalt

Israel weist Obama zurecht

Netanjahu verbittet sich Kritik an Kriegführung gegen die Bevölkerung von Gaza

Von Knut Mellenthin

Spiegel online meldete am Sonntag, »der israelische Geheimdienst« – welcher? Es gibt mehrere – habe »offenbar« Telefongespräche von US-Außenminister John Kerry abgehört. Das Nachrichtenmagazin behauptet, die Neuigkeit »aus Geheimdienstkreisen« erfahren zu haben. Daß es sich um israelische Quellen handeln muß, liegt auf der Hand. Nicht der Abhörvorgang als solcher, sondern das Bekanntmachen dieser Tatsache ist die jüngste gezielte Provokation der Regierung in Jerusalem gegen die US-Administration.

Am Sonnabend hatten israelische Medien über ein »schroffes« Telefongespräch von Premier Benjamin Netanjahu mit US-Botschafter Dan Shapiro berichtet, das angeblich am Freitag stattgefunden hatte. Die Geschichte, die nur aus Netanjahus Büro gekommen sein kann, war zunächst der Nachrichtenagentur AP zugespielt und von dieser verbreitet worden. Den Meldungen zufolge hatte der israelische Regierungschef den Diplomaten äußerst undiplomatisch zurechtgewiesen, daß er »nie wieder« Kritik aus Washington an seinen Entscheidungen zur Behandlung des Gaza-Gebiets hören wolle. Er »erwarte« jetzt, daß die USA »und andere Länder« die israelische Kriegführung »voll unterstützen«.

Ebenfalls am Freitag zeigte Präsident Barack Obama bereits das gewünschte Verhalten: Ohne daß irgendwelche Beweise vorlagen, übernahm »der mächtigste Mann der Welt« die israelische Darstellung, daß die palästinensische Hamas die kurz zuvor in Kraft getretene, von Kerry vermittelte Waffenruhe gebrochen habe. Gleichzeitig verlangte Obama von der Hamas die »sofortige und bedingungslose« Freilassung eines angeblich in Gefangenschaft geratenen israelischen Soldaten. Süffisant schrieb Israels meistgelesene Tageszeitung, yedioth Achronoth, am Sonnabend: »Es ist unklar, ob das Telefongespräch zwischen Netanjahu und dem US-Botschafter vor oder nach Obamas Äußerungen stattfand.«

Die israelische Führung hatte dem US-Präsidenten schon einige Tage vorher einen üblen Streich gespielt: Ein staatlich finanzierter Fernsehsender hatte am Dienstag das angebliche »Protokoll« eines Telefongesprächs zwischen Obama und Netanjahu veröffentlicht, das den Amerikaner als grobschlächtigen, herrischen Ignoranten dastehen ließ (jW berichtete). Um sich über den Wert dieses zumindest stark und sinnentstellend bearbeiteten »Protokolls« klar zu werden, reicht die Tatsache, daß es dem US-Präsidenten die barsche Forderung nach einer »einseitigen« Einstellung der israelischen Militäraktionen zuschrieb.

Israelische Dienststellen haben eine langjährige Übung im Verbreiten von Falschmeldungen, die die bedingungslose Solidarität der USA mit Israel in Frage stellen. In der Regel treten die angestrebten Ergebnisse ein: Proisraelische Milliardäre, von deren Spenden die Parteipolitiker und Kongreßmitglieder abhängen, bekommen Gelegenheit zu besorgten Anrufen, ob denn noch alles in Ordnung sei. Prompt müssen der jeweilige Hausherr des Weißen Hauses und seine Leute heftig dementieren und sind bestrebt, die Gerüchte durch noch größere Unterwürfigkeit zu widerlegen.

Besonders infamen Angriffen nicht nur durch israelische Medien, sondern auch durch Mitglieder von Netanjahus Kabinett ist seit zwei Wochen Außenminister Kerry ausgesetzt. Seine Bemühungen um einen Waffenstillstand und seine Gespräche mit den Regierungen der Türkei und Katars in diesem Zusammenhang werden als »Komplizenschaft mit den Terroristen« verurteilt. Kommentatoren des US-amerikanischen Mainstreams stimmen in die Vorwürfe ein. Da hilft es Kerry wenig, daß er beteuert, in ständiger enger Abstimmung mit Netanjahu gehandelt zu haben. Vergeblich auch seine entlarvende Verteidigung, daß sich weder er selbst noch der Präsident der Vereinigten Staaten um einen Waffenstillstand in Gaza bemüht hätten, wenn das nicht Netanjahus explizit geäußerter Wille gewesen wäre.