Le Monde „Schmutziges Wasser“, ein neues Mittel zur Unterdrückung von Demonstrationen?

Seit drei Wochen sind die Palästinenser von Ost-Jerusalem einer kollektiven Strafe ganz neuer Art ausgesetzt: dem „schmutzigen Wasser“, wie man es hier nennt. Nach jeder Demonstration – und seit den Ereignissen in Gaza wird fast jeden Abend im östlichen Teil der Heiligen Stadt demonstriert – fährt ein weißer Lastwagen durch die Gegend und versprüht eine geheimnisvolle, übel riechende Flüssigkeit. Alles wird davon imprägniert: die Fassaden der Häuser und Gebäude, die Fenster, Gehsteige, Straßen, Büsche, Blumen… Was enthält diese Flüssigkeit? Keiner weiß es und die israelische Polizei hüllt sich in Schweigen. Der Geruch, der von dem „schmutzigen Wasser“ ausgeht, reizt die Nase. Sie klebt and Kleidung und Haut und man bekommt sie zwei bis drei Tage nicht wieder weg.

In Souaneh, einem der „heißen“ Gegenden in Ost-Jerusalem, verhüllen sich die Fußgänger ihr Gesicht oder halten sich die Nase zu. Niemand treibt sich auf den Straßen herum. Ist es das, was diese kollektive Bestrafung bezweckt? Ohne Zweifel. Indem sie die Menschen zwingt, sich zuhause einzusperren, hofft die Polizei jede weitere Demonstration zu verhindern. Das Problem ist allerdings, dass das „schmutzige Wasser“ nicht nur die Fassaden verunreinigt. Es dringt in die Wohnungen ein, klebt an Vorhängen, Teppichen und Kissen und macht das Leben für die Palästinenser noch unerträglicher und demütigt sie noch mehr. „Wer sind wir, dass man uns mit Insektiziden wie Ratten und Mücken behandelt?“ fragt zornig Mounir, der um seine Kinder besorgt ist.

Nahla, seine Nachbarin von gegenüber, verbirgt nicht ihre Verzweiflung und Müdigkeit. „Ich habe alles versucht, um diesen Geruch aus dem Haus zu entfernen, flüssige Seife, Essig, Chlor, nichts hilft…“, seufzt sie und betont wie unerbittlich die Situation ist: Mitten im Ramadan, musste sie, während sie fastet und keinen Tropfen trinkt, Unmengen von Wasser auf ihre Veranda, die Treppen, die Fliesen schütten…

Ein paar Kilometer entfernt, erleidet der Stadtteil Issaouia ebenso regelmäßig diese kollektive Bestrafung. Faouzi, der Lebensmittelhändler und Bäcker musste mehrmals seine Vorräte wegwerfen. „Vor drei Wochen hab ich die Jugendlichen, die Steine warfen und den Müll auskippten, beschimpft: ‚Ihr provoziert die Soldaten und bringt uns Ärger. Geht woanders hin!‘ Jetzt sag ich nichts mehr zu ihnen. Im Gegenteil. Ich hab die Nase so voll von Israel, dass ich meinen Nachbarn sage „Lasst sie nur machen…“

(Übersetzung aus dem Französischen Doris Pumphrey)

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