»Mein Publikum bewahrt mich davor zu verzweifeln« Gespräch mit Konstantin Wecker

 Über Faschisten in der Ukraine und die deutsche Friedensbewegung, Rechtsruck in der EU und bittere Einsichten

Auszüge:

(…)

Ich kann mir keine Gedanken darüber machen, ob ich zu Lebzeiten noch eine gravierende politische Veränderung erleben werde. Das ist ja auch die Frage, die Hannes Wader und mir immer gestellt wurde: Hat es irgendwas gebracht, euer Engagement für eine bessere Welt? Offensichtlich ja nicht. Wir haben die Politik nicht ändern können, sondern mußten gar den Abbau sozialer Sicherheiten und selbst Krieg, von deutschem Boden ausgehend, erleben. Aber vielleicht müssen wir uns die Frage andersherum stellen. Wo stünden wir eigentlich, wenn es keine aufrechten Journalisten, Künstler und Sänger, Kriegsgegner und Antifaschisten gegeben hätte, und viele andere mehr, die versucht haben, etwas zu verändern, zu bewirken? Wie beschissen sähe es dann aus?

 

(….)

 

Die heutigen Montagsdemonstranten wollen weder links noch rechts sein. Öffnen sie damit nicht selbst Tür und Tor für ihre Unterwanderung durch rechte Aktivisten?

Diese Gefahr ist vorhanden, natürlich. Ich unterscheide sehr deutlich zwischen rechts und links, das ist für mich überhaupt kein Thema. Für mich kommt eine solche Gleichmacherei überhaupt nicht in Frage. Die politischen Ziele von Linken und Rechten sind völlig andere.

Aber zurück zur traditionellen Friedensbewegung. Die war ja auch früher schon zersplittert. So engagierten sich darin Anhänger unter anderem der KPD/ML, trotzkistischer Organisationen und linker Feministinnen, die nochmal ein eigenes Lager bildeten. Diese Flügelkämpfe haben damals schon viele Menschen verschlissen. Auch ich persönlich bin in diesen Zeiten mehr von den linken Gruppen angegangen worden als von den Konservativen. Mein verstorbener Freund Hanns Dieter Hüsch wurde damals etwa von linken Gruppierungen am Singen gehindert und ist in die Schweiz ausgewandert, weil er es nicht mehr ausgehalten hat. Ich kenne also diese Zersplitterungen, und man muß sagen, es hat nichts bewirkt. Außer, daß die Zersplitterung im Endeffekt immer der Konterrevolution geholfen hat.

Denken Sie, daß heutzutage überhaupt noch eine organisierte Friedensbewegung existiert?

Ich habe damals die Bewegung erlebt – und sie war sehr groß. Diese Friedensbewegung ist jedoch – Historiker mögen mich widerlegen – mit dem berühmten Satz von Joschka Fischer »Nie wieder Auschwitz« zerschlagen worden. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, daß auch mein Publikum gespalten war. Ich war gegen den Jugoslawien-Krieg, und etwa die Hälfte meines Publikums war dafür. Ab dem Jugoslawien-Krieg gab es die Friedensbewegung, wie ich sie zuvor kannte, nicht mehr.

Ist es möglich, die Friedensbewegung wieder zum Leben zu erwecken?

Ja, es ist wahrscheinlich schon möglich. Dazu muß sich jedoch auch die Linke selbst ein wenig öffnen und nicht zu selbstgefällig agieren, wie es derzeit der Fall ist. Ich sage aus der Sicht meines Alters heraus, daß bei vielen traditionellen Aktivisten auch ungeheure Eitelkeiten mit im Spiel sind. Wenn wir uns aber auf eine respektvolle Weise zusammentun, haben wir gute Chancen, erfolgreich zu sein.