Bericht aus Syrien – von Karin Leukefeld

aus Damaskus, von wo ich in der vergangenen Woche über die Präsidentschaftswahlen berichtet habe.

In Jaramana, einem Vorort von Damaskus, der voller Inlandsvertriebenen ist, war ich im Fußballstadion, wo Familien aus allen Teilen des Landes untergebracht sind. Nadia Issa lebte in Hassakeh (Ostsyrien), wo ihr Mann auf einem Ölfeld arbeitete. Sie flohen vor den Kämpfern des „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (ISIL) zunächst in die Provinzhauptstadt Hassakeh und später nach Damaskus. Oder Husn Khalil Abdulhaid, Mutter von vier Kindern aus Mleiha, von wo täglich Dutzende Mörsergranaten auf Jaramana abgeschossen werden.  Der Geographiestudent, Moutaz Sherif Jabbar wollte eine Nachricht an die Bundesregierung loswerden: „Sagen Sie der Regierung in Deutschland, sie sollen sich nicht in unsere Wahlen einmischen und uns Syrer selber entscheiden lassen, wen wir zum Präsidenten wählen.“ In Qassa, einem mehrheitlich von Christen bewohnten Viertel im Osten von Damaskus traf ich im Wahlzentrum der Kirche zum Heiligen Kreuz den 84-jährigen George Faddoul, der zum ersten Mal in seinem Leben wählte, weil es „zum ersten Mal eine Auswahl bei den Kandidaten“ gab. In Nahr al-Aischa, einem eher ärmlichen Viertel südlich von Damaskus, an der Autobahn Richtung Jordanien, herrschte großes Gedränge. Auch hier leben viele Inlandsvertriebene aus anderen, teilweise noch umkämpften Vororten von Damaskus. Und Palästinenser aus dem weitgehend zerstörten Lager Yarmouk, wie ich aus persönlichen Gesprächen erfahren habe. Palästinenser haben allerdings kein Wahlrecht in Syrien.

Ich wollte sehen, ob sich Inlandsvertriebene an den Wahlen beteiligen konnten, das war der Fall. Es gibt rund 6,5 Millionen Inlandsvertriebene, die vor den Kämpfern und Kämpfen geflohen sind und zwar in die Gebiete, die von der Regierung (und Armee, Polizei, Geheimdiensten und regierungstreuen Milizen) gesichert oder, wie es meist in westlichen Medien heißt, „kontrolliert“ werden. Aus „Strafe“ dafür, dass sie sich in diesen Gebieten in Sicherheit gebracht haben, werden sie täglich mit Dutzenden Mörsergranaten beschossen. Dass es eine „Strafe“ sei, sagte einer der Kämpfer auf die Frage, warum sie die Granaten auf die Wohnviertel schießen. Es gibt auch Leute die sagen, die Granaten sollen zeigen, „wie das ist, wenn die Kampfjets der Luftwaffe Zivilisten in den von ‚Rebellen‘ gehaltenen Gebieten angreifen“.  Eine dieser Granaten  landete am Tag nach den Wahlen etwa 50 m vom Eingang des Hotels entfernt, in dem ich im Zentrum von Damaskus wohne. Laute Schreie waren zu hören, drei Menschen wurden getroffen. Manche sagten, dass eine der Personen getötet wurde.

Mit einer Kollegin, die für Irish Times schreibt, war ich in Homs. Wir sind durch die Ruinen der Altstadt   gelaufen. Haben uns verbrannte und zerstörte Häuser, Moscheen und Kirchen angesehen und  mit Leuten gesprochen, die ihre Wohnungen im Frühsommer 2012 verließen, als immer mehr Kämpfer kamen.  Wir sprachen auch mit Leuten, die in ihren Wohnungen geblieben waren, bis die Kämpfer Anfang Mai 2014 wieder abzogen. Die Zerstörung ist gewaltig und natürlich waren daran sowohl die Kämpfer als auch die syrischen Streitkräfte beteiligt.  Wiederholte  Angebote seitens der  Regierung (Armee und Geheimdiensten) an die Kämpfer zum Abzug, wurden bis Anfang Mai 2014 von diesen abgelehnt.  Ein Priester der St. Marien- Kirche in Hamidiye (wo ein Gürtel aufbewahrt wird, der der Mutter von Jesus, Maria gehört haben soll) arbeitete seit 2011 in einem Vermittlungskomitee, dem zuletzt 16 Priester, 18 (religiöse) Scheichs, 12 Imame und mehr als 20 Zivilisten angehörten. Ein „Plenum“, um Probleme zu besprechen, um zu überlegen, wie die bewaffnete Konfrontation beendet werden kann. Hier liegt – jenseits von Politik und Machtinteressen – die eigentliche Stärke der Syrer: in ihrer Fähigkeit miteinander zu reden, in ihrer Geduld und in ihrem beharrlichen Willen, in Frieden zu leben.

Als ich im Februar 2012 zuletzt in der Altstadt von Homs (in Hamidiye) war, lebten dort noch viele Menschen (http://weltnetz.tv/video/244).  Doch es wurde schon permanent geschossen, kurz darauf sind die Bewohner geflohen. Dieses Mal war es merkwürdig still, nur die Vögel sangen. Ab und zu hörte man Stimmen, das Scharren von Schritten in Trümmern. Drei junge Männer wuschen sich unter einem Schlauch, aus dem Wasser spritzte. In dem bekannten Restaurant Agha fanden wir ein Feldlazarett, das die Kämpfer im Weinkeller eingerichtet hatten. Dort lagen auch Granathülsen herum, 81 Millimeter Durchmesser, Herkunftsland Türkei.  Im Konvent der Jesuiten standen wir am Grab von Pater Francis van der Lugt, der am 7. April dort mit einem Kopfschuss hingerichtet worden war. Auf Befehl des maskierten Mörders hatte der Pater sich auf einen Stuhl setzen müssen, dort wurde er erschossen. Der Stuhl steht noch am selben Ort, mit Blumen geschmückt.

Vorbei an Hausruinen rechts und links sind wir dann nördlich durch die Hama Straße zur Moschee Khalid Ibn al-Walid gefahren. Die Bäume in dem großen Park vor der Moschee sind verbrannt, Zweige und Äste abgerissen, das Gras verdorrt. Die umliegenden Hausruinen sind bizarre, schwarz verkohlte Gerippe, die in den Himmel ragen.

Sicher ist, dass die ‚Homsis‘ – die Einwohner von Homs – ihre zerstörte Altstadt wieder aufbauen werden. Die Versöhnung wird dauern, doch mit beidem wurde angefangen.

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