[Junge Welt] Medien: »Niemand wagt es, laut zu protestieren«

Immer konform mit dem Kanzleramt: Bei der Deutschen Welle dürfen nur »geeignete« Journalisten Kommentare schreiben. Gespräch mit Jonas Jones
Interview: Peter Wolter

Jonas Jones ist das Pseudonym eines ­anonym bleiben wollenden Redakteurs des deutschen Auslandssenders Deutsche Welle (DW)

Sie sind Redakteur bei der Deutschen Welle (DW), die in etwa 30 Sprachen per Hörfunk, TV und Internet die Weltöffentlichkeit über die deutsche Sicht der Dinge informiert. Diese Rundfunkanstalt ist zwar öffentlich-rechtlich, gleichwohl aber staatlich dominiert – gibt es in aktuellen Krisen Vorgaben für die Berichterstattung?

Aktuell ist z.B. die Vorgabe, den Begriff »Referendum« – gemeint ist die Abstimmung in der Ost­ukraine – immer in Anführungszeichen zu schreiben oder mit dem Zusatz »illegal« oder »sogenannt«. Dieser unsinnige Eingriff in unser journalistisches Vokabular ist ein Beispiel für direkte Zensur. Im Duden wird das Wort »Referendum« als Volksentscheid über eine bestimmte Frage definiert – dieser Terminus ist also weder positiv noch negativ besetzt.

Jetzt sind aber alle Journalisten der DW gezwungen, dieses Referendum schon per Wortwahl zu desavouieren. Das schlägt sich nicht nur in den Kommentaren nieder, sondern auch in normalen Berichten, die eigentlich neutral und ohne jede Meinungsäußerung sein sollten. Sogar in Interviews wird es als selbstverständlich unterstellt, daß die Abstimmung illegal war. Das ist Vorgabenjournalismus, der niemandem weiterhilft.
Wird die verfassungswidrig zustande gekommene Kiewer Regierung auch als »sogenannt«, »selbsternannt« oder »illegal« bezeichnet?

Nein, in diesem wie in anderen Fällen wird das offizielle Vokabular des Kanzleramts übernommen. Erst wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Begriff »sogenannte Kiewer Regierung« verwendet, werden Sie ihn auch im DW-Programm finden. Momentan wird höchstens erwähnt, daß es sich um eine »Übergangsregierung« handelt.
Wie kommen solche Vorgaben zustande, wer legt sie fest? Und wie werden sie durchgesetzt?

Die DW ist sehr hierarchisch strukturiert. Der Chefredakteur konferiert täglich mit den Hauptabteilungsleitern, die geben die Vorgaben an die Abteilungsleiter weiter, die sie wiederum an die einzelnen Redakteure durchreichen. Die Sprachregelung zum ostukrainischen Referendum kam von Chefredakteur Alexander Kudascheff. Ich kann mir kaum vorstellen, daß er das nicht mit dem neuen Intendanten Peter Limbourg abgesprochen hat.
In den meisten deutschen Medien wird Rußlands Staatspräsident Wladimir Putin dämonisiert. Ihm werden ausschließlich hinterhältige Absichten unterstellt – daß aber Hunderte US-Söldner in der Ukraine auf seiten der Regierung im Einsatz sind, wird meist nicht erwähnt. Wie berichtet die DW über Putin?

Ähnlich wie die meisten Medien in Deutschland; die Kommentare dürfen nur Redakteure schreiben, die als dafür »geeignet« gelten. Dann hört man natürlich ständig Phrasen wie »Autokrat«, »Machtpolitik«, oder »Träume von der alten Sowjetherrlichkeit«.

Es ist absurd, daß von den über tausend Journalistinnen und Journalisten bei der DW kein einziger diese Krise anders kommentieren könnte. In der Berichterstattung kommt es allerdings hin und wieder vor, daß manche Gesichtspunkte abweichend von den offiziellen Vorgaben dargestellt werden. Ich erinnere mich an eine meiner Meinung nach schon fast geniale Reportage vom Maidan-Platz in Kiew, als dort überall Aufkleber mit dem Text »Nazi only« zu finden waren. Derartige Berichte sind leider seltene Ausnahmen.
Werden Sprachregelungen, wie Sie sie schildern, von den einzelnen Ressorts oder den Redakteuren widerspruchslos hingenommen?

Nein, die Kollegen debattieren heftig darüber, viele Ressort- und Redaktionsleiter sind auch dagegen. Am Ende wird es aber so gemacht, wie es der »Big Boss« verfügt hat. Niemand wagt es aber, laut zu protestieren – zur Zeit wird die DW nämlich umstrukturiert, hier rollen ohnehin schon Köpfe. Viele Kolleginnen und Kollegen fragen sich, ob sie im kommenden Jahr noch bei der DW sind und wenn ja, was ihre Aufgabe sein wird.

Zur Strukturreform gehört die Einführung eines Nachrichtenkanals in englischer Sprache, der rund um die Uhr ausgestrahlt wird. Der Intendant preist diesen Kanal gerne als »Flaggschiff« der DW an. Für uns Mitarbeiter klingt das eher zynisch, wir fragen uns, ob die DW jetzt den tendenziösen Stil englischsprachiger Sender wie CNN oder BBC übernimmt.
Und wenn Sie sich als Redakteur nicht an die Sprachregelungen halten?

Ich hoffe, daß ich nie erfahren werde, was in einem solchen Fall passiert. Viele versuchen die Vorgaben zu umgehen, indem sie z.B. weniger problematische Synonyme benutzen. Es ist halt ein fruchtbarer Boden für die Zensur, wenn man als Journalist eine Familie mit zwei Kindern ernähren muß und auf Basis von Zeitverträgen arbeitet. Irgendwann ertappt man sich bei der Selbstzensur – weil man seinen Job behalten will, schreibt man so, daß es keinen Anstoß erregt. Gute Journalisten gibt es bei der DW massenweise – große Rebellen sind mir bisher aber nicht aufgefallen.