Von Reinhard Lauterbach
In Kiew soll am heutigen Mittwoch der von den Machthabern angekündigte »nationale Dialog« beginnen. Wer da mit wem sprechen soll, war bis Dienstag mittag jedoch unklar. Die deutsche Bundesregierung verspricht sich von diesem Treffen offenbar, wieder etwas ins Spiel um die Zukunft der Ukraine zurückzukommen, nachdem sie zuvor von den USA (»Fuck the EU«) unsanft ausgebootet worden war. Außenminister Steinmeier, der schon am Wochenende in Donezk Gespräche geführt hatte, flog am Dienstag nach Odessa. Berlin hat auch den Vorsitzenden der Münchener »Sicherheitskonferenz« und ehemaligen Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, als einen der Moderatoren des Treffens nach Kiew geschickt. Die ukrainische Seite dagegen ließ offen, wen sie als Vorsitzenden nominieren würde. Im Gespräch waren die früheren Präsidenten Leonid Krawtschuk (1991-1994) und Leonid Kutschma (1994-2004). Wer den aufständischen Osten des Landes vertritt, blieb offen. Repräsentanten der gerade proklamierten Volksrepubliken Donezk und Lugansk sollen es jedenfalls nicht sein. Diesen droht Kiew vielmehr mit Strafverfolgung, Gespräche mit »Terroristen« seien ausgeschlossen.
Die beiden Republiken haben am Montag nach den aus ihrer Sicht erfolgreichen Referenden ihre Souveränität erklärt. Die Volksrepublik Donezk erlaubte sich den Spaß, als »Sanktion« Einreiseverbote gegen Barack Obama, Angela Merkel und die EU-Außenbeauftragte Lady Catherine Ashton zu verhängen.
Die Kiewer Machthaber haben unterdessen eine neue Theorie über die Ursachen des Massakers von Odessa in die Welt gesetzt. Der »Nationale Sicherheitsdienst« behauptete am Dienstag, man habe »festgestellt, daß die Opfer möglicherweise vergiftet worden« seien. An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Sprache: »Feststellen, daß möglicherweise« ist eine in sich widersprüchliche Formulierung und damit wenig mehr als ein Aufblasen der eigenen Backen. Um welches Gift es sich handle, werde noch ermittelt, erklärte der Sicherheitsdienst weiter. Auch Rauchgasvergiftungen sind Vergiftungen – und offensichtlich waren viele der Opfer in dem brennenden Gebäude erstickt.
Theorien, die auf geheimnisvolle Mörder im Inneren hindeuten sollen, waren schon in der vergangenen Woche auf dem Platz vor dem ausgebrannten Odessaer Gewerkschaftshaus in Umlauf gesetzt worden. Danach hätten sich dort Agenten aus Rußland oder Transnistrien aufgehalten und ihren Provokateursjob erledigt. Das Problem solcher Theorien erledigt im Fehlen des »rauchenden Colts«. Alle bisher identifizierten Opfer waren ukrainische Staatsbürger mit Wohnsitz in Odessa und Umgebung. Bisher hat auch niemand erklärt, wie aus einem von ukrainischen Rechten umzingelten brennenden Gebäude jene ominösen »grünen Männchen«, denen Kiew das Massaker in die Schuhe zu schieben sucht, hätten entkommen sollen.
