Neue Energieunion
Abkehr von Rußland: Befürworter einer europäischen Erdgasdiversifizierung erhalten durch den Konflikt um die Ukraine wieder Auftrieb
Von Jörg Kronauer
Die Begeisterung der Bundesregierung hält sich in Grenzen. Seit Wochen schon geht der polnische Ministerpräsident Donald Tusk mit der Idee hausieren, die EU solle eine »Energieunion« gründen. »Übermäßige Abhängigkeit von russischer Energie macht Europa schwach«, hat er zuletzt am Montag in einem Namensbeitrag in der Financial Times erklärt; die EU-Staaten sollten ihre Energiequellen deshalb so rasch wie möglich diversifizieren. Vor allem aber müßten sie die Verhandlungen über ihre Erdgaskäufe in Rußland in Brüssel zentralisieren. Regierungssprecher Steffen Seibert war am Mittwoch erkennbar bemüht, höflich zu bleiben. Natürlich nehme man die polnischen »Vorschläge sehr ernst«, beteuerte er; natürlich würden sie sorgfältig »geprüft«, und »sicherlich« seien sie »ein Gesprächsthema« beim Arbeitstreffen des polnischen Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin am heutigen Freitag. Letztlich aber, das konnte Seibert nicht verhehlen, hält die Bundesregierung von Tusks »Energieunion« nicht viel – zumindest in der vorliegenden Form.
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25.04.2014 / Schwerpunkt / Seite 3Inhalt
»Reverse flow«
Die Ukraine bezieht neuerdings Gas aus dem Westen
Von Jörg Kronauer
Mit großem Trara hat der deutsche RWE-Konzern am 15. April seine Erdgaslieferungen an die Ukraine wieder aufgenommen. Im Mai 2012 hatte er mit der ukrainischen Naftogas einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet, im November 2012 hatte er erste Lieferungen gestartet; im Oktober 2013 war Kiew allerdings plötzlich abgesprungen, weil der schwankende Erdgaspreis im Westen plötzlich über demjenigen der russischen Konkurrenz gelegen hatte. Seit Gasprom nun jedoch zu den kostspieligen Konditionen des russisch-ukrainischen Liefervertrages von 2009 zurückgekehrt ist, für dessen Unterzeichnung Julia Timoschenko 2011 zu mehrjähriger Haft verurteilt wurde, ist das westliche Erdgas wieder deutlich billiger als das russische und damit für Kiew erneut attraktiv. Entsprechend kommt der »Reverse flow«, die Umkehr der ursprünglich als Ost-West-Pipelines konstruierten Erdgasröhren, erneut zum Zug; zunächst wird Gas aus Polen in die Ukraine geliefert.
RWE findet durchaus Gefallen an dem Geschäft. Schon bald »könnten die Liefermengen signifikant erhöht werden, sofern in den nächsten Wochen Lösungen für (…) Transportbeschränkungen (…) zwischen der Slowakei und der Ukraine gefunden werden«, teilt der Konzern mit. Die Slowakei sperrt sich tatsächlich noch gegen den »Reverse flow« – aus zwei Gründen: Zum einen widerspräche er möglicherweise den Verträgen, die das Land mit Gasprom geschlossen hat; zum anderen sieht die Regierung in Bratislava nicht wirklich ein, daß sie einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag für die technische Realisierung der Schubumkehr zahlen soll, die ihr nichts bringt, dafür aber RWE zu mehr Umsatz und Profit verhilft. Daß Bratislava sich unter dem Druck der Ukraine-Krise noch lange weigern kann, das Absatzgebiet des deutschen Energieriesen per »Reverse flow« in Richtung Osten zu erweitern, ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Gestern wurde in der slowakischen Hauptstadt in Anwesenheit von EU-Energiekommissar Günther Oettinger über die Angelegenheit verhandelt. Das Ergebnis lag bei Redaktionsschluß allerdings noch nicht vor.
Rohstoffpoker: Vor EU-Gipfel im Juni
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