Skandalöse Petition – Denkmal am Tiergarten für die sowjetischen Truppen

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17.04.2014 / Ansichten / Seite 8Inhalt

Tabubruch des Tages: Neues aus dem Bonker

Noch immer jault keine Stalinorgel an der Oder, der Russe läßt auf sich warten. Nervosität macht sich breit in Springers Bonker. Wie nur den kriegsmüden Deutschen endlich Feuer unter dem Arsch machen? Die Lösung: den Feind im eigenen Land suchen und vernichten. Seit zwei Tagen läuft nun schon die von Bild und B.Z. angestoßene Bundestagspetition »Weg mit den Russen-Panzern!« gegen das sowjetische Ehrenmal am Brandenburger Tor. Aber so richtig will sich keiner vor die Kanone binden lassen. Nur Häme und Spott, schaut man über die Onlinekommentare zur ach so pazifistischen Kampagne. »Ohne die Russenpanzer stünde jetzt am Brandenburger Tor die Große Halle des Volkes«, schreibt einer dieser Defätisten. Gar nicht so doof, der Bild-Leser.

Die Mobilmachung an der Heimatfront stockt. Nur alte Schlachtrösser lassen sich für die Petition hinterm Ofen hervorlocken: Hubertus Knabe, Erika Steinbach, Werner Schulz. Am Mittwoch vermeldete B.Z. dann einen erfolgreichen Vorstoß: »1. Abgeordneter gegen die Panzer am Tor«. Wahrscheinlich meinte das Blatt »erster ernstzunehmender Abgeordneter«, denn Steinbach sitzt auch im Bundestag. Die B.Z. meinte Karl-Georg Wellmann, der sich gegen die »russische Aggression« ausspricht. Der CDU-Mann ist eher unbekannt, aber seit Jahren ein nicht unbedeutender Strippenzieher. Zuletzt aufgefallen war Wellmann, als er sich für einen Militärschlag gegen Syrien auch ohne UN-Mandat aussprach. Ob ihm noch mehr Bundestagskollegen folgen, ist fraglich. Denn der kalkulierte Tabubruch wird nichts daran ändern: Die alten T 34 werden im Tiergarten stehenbleiben. Deutschland hat sich 1990 vertraglich dazu verpflichtet, alle Kriegsgräber und Mahnmale zu erhalten. Schließlich liegen unter dem Denkmal mehr als 2000 sowjetische Soldaten, die in der Schlacht um Berlin ihr Leben ließen. (mme)

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17.04.2014 / Abgeschrieben / Seite 8Inhalt
Skandalöse Petition
Der Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), Ulrich Schneider, wandte sich am Dienstag in einem offenen Brief an den russischen Botschafter in Berlin, Wladimir Grinin:

Sie sind sicherlich durch die Presseübersicht informiert, daß die beiden Boulevardzeitungen Bild und B.Z. mit einer skandalösen Petition angetreten sind. Sie fordern, daß das Denkmal am Tiergarten für die sowjetischen Truppen, die im April/Mai 1945 Berlin auch mit militärischen Mitteln von der faschistischen Barbarei befreiten, beseitigt werden soll.

Verbunden wird dies mit einer pseudo-pazifistischen Begründung, daß Panzer als Denkmäler heute unzeitgemäß seien. Wenn man jedoch die skandalöse Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt in den gleichen Zeitungen verfolgt, dann ist klar, daß diese Petition nichts anderes ist als der Versuch, in der ideologischen Auseinandersetzung in die Schützengräben des Kalten Krieges zurückzukehren. Dies erinnert fatal an die Situation in den baltischen Staaten, wo Geschichtsrevisionismus mit der Beseitigung des Denkmals des Bronzenen Soldaten begann und heute in den jährlichen Aufmärschen von SS-Veteranen und ihrer jugendlichen Anhänger seine Fortsetzung findet. (…)
Zu dieser aktuellen Kampagne aus dem Hause Springer erklärte die DKP Berlin am Mittwoch:

Anlaß für diesen Rückfall in die finstersten Zeiten des Kalten Krieges ist die Lage in der Ukraine, in der ein nicht demokratisch legitimiertes Regime unter Beteiligung von Faschisten begonnen hat, Soldaten gegen die Bevölkerung in den östlichen Landesteilen in Marsch zu setzen. (…) Der Berliner DKP-Vorsitzende Rainer Perschewski erklärt zur Kampagne gegen das sowjetische Ehrenmal: »Die Kriegshetze gegen Rußland kennt in Deutschland keine Grenzen mehr. In dem Jahr, in dem sich der deutsche Einmarsch in Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal jährt, üben sich Massenmedien und bürgerliche Politiker in Geschichtsklitterung. Nur so ist es möglich, daß die Demontage eines Denkmals gefordert wird, das an die Befreiung Deutschlands durch die sowjetische Armee erinnert.« Perschewski weiter: »Die Bundesrepublik Deutschland hat sich im Zuge des Anschlusses der DDR völkerrechtlich verpflichtet, die sowjetischen Friedhöfe und Kriegsdenkmäler zu bewahren und zu pflegen. Wir erwarten deshalb von der Bundesregierung und vom Berliner Senat, daß sie sich klar und eindeutig zum Erhalt des vollständigen sowjetischen Ehrenmals am Tiergarten und aller Gedenkstätten für die Befreiung vom Faschismus bekennen.«