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01.04.2014 / Ausland / Seite 2Inhalt
»Es ist doch verlockend, dort mitzumachen«
50 bis 100 Euro pro Tag: Rechte Aktivisten auf dem Kiewer Maidan werden aus dem Ausland bezahlt. Gespräch mit Alexej Smorgunow
Interview: Peter Wolter
Alexej Smorgunow ist Bankangestellter in der ostukrainischen Stadt Donezk
Die gewalttätigen Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew werden im Westen begrüßt – was sagt die russischsprachige Bevölkerung im Südosten des Landes dazu?
Der allergrößte Teil der Menschen bei uns ist weiterhin für eine einheitliche Ukraine. Natürlich war es nötig, den bisherigen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und seine Anhänger zu entmachten – aber bitte nicht mit diesen Methoden. Wir im Südosten – also in Charkow, Donezk, Lugansk usw. – waren immer für eine friedliche Lösung unserer Probleme. Aber die Leute, die sich im »Rechten Sektor« gesammelt haben, sehen das anders. Es wäre interessant zu erfahren, wer ihnen diesen Spielraum zugestanden hat und woher sie die Waffen haben.
Viele Menschen im Südosten fordern ein Referendum über den künftigen Status ihrer Region – analog zur Krim, die den Anschluß an Rußland beschlossen hat. Wäre das eine Lösung?
Keineswegs. Rund 80 Prozent der Bevölkerung bei uns sind der Meinung, daß unsere Steuern zunächst für die Lösung unserer Probleme eingesetzt werden sollten. Es gibt viele Zustände, die zum Himmel schreien: Das Bildungswesen siecht dahin, unsere Rentner haben kaum genug zum Überleben. Leider versickern die Steuern in Kiew, das Spiel machen wir nicht mehr mit.
Aber gibt es nicht auch in Ihrer Region Mitbürger, die Sympathien für die Besetzer des Maidan haben?
Für manche Arbeitslose ist es verlockend, dort mitzumachen. Da kann man richtig Geld verdienen, je nachdem, welche Aufgabe einem in einer der dortigen Hundertschaften zugeteilt wird – das bringt etwa 50 bis 100 Euro pro Tag. Entfernte Verwandte von mir waren auch dort, nach einer Woche kamen sie freudestrahlend mit 1000 Euro zurück. Ich vermute, das Geld kommt aus den USA.
Besuchern aus dem Ausland fällt auf, daß in den großen Städten riesige Marmorpaläste stehen, die im Besitz von Milliardären sind, den sogenannten Oligarchen. Wie steht es um die einfache Bevölkerung?
Beschissen. Viele Mitbürger leben von Krediten, die sie mit hohen Zinsen zurückzahlen müssen. Daran verdienen auch wieder die Oligarchen, weil ihnen die Banken gehören. Wer einen guten Job hat, kann umgerechnet zwischen 200 und 500 Euro im Monat verdienen. Ich selbst arbeite in einer Bank und bekomme etwa 400 Euro. Im Durchschnitt sind es nur 280 Euro.
Auf dem Maidan war immer wieder zu hören, daß die Ukrainer endlich »nach Europa« wollen.
Mit dem Begriff »Europa« verbinden viele, daß man dort besser lebt, daß es dort bessere Renten und eine ordentliche Ausbildung gibt. Sie haben aber nur Deutschland, Österreich, die Schweiz oder Norwegen im Blick und nehmen nicht zur Kenntnis, daß es vielen Menschen in Griechenland, Spanien und Italien genau so schlecht geht wie uns. Oder noch schlechter.
Der Westen will der Ukraine mit Milliardenkrediten auf die Beine helfen. Wie ist Ihr Land bisher mit derartigen Zahlungen verfahren?
Es wäre wunderbar, wenn wir Kredite für die Entwicklung der Wirtschaft und andere Aufgaben bekämen. Alle wären begeistert, weil sich dadurch vieles verbessern könnte – die Löhne oder die Renten zum Beispiel. Den Rentnern geht es hier besonders schlecht, die bisherigen Regierungen haben nämlich den Rentenfonds ausgeplündert. Die Gefahr besteht, daß es mit diesen Krediten wie gewohnt weiter geht: ein großer Teil davon wandert in die Taschen derjenigen, die an der Macht sind. Erfahrungsgemäß verschwinden auf diese Weise 40 bis 50 Prozent der Summe. Kredite machen nur dann Sinn, wenn sie für konkrete Projekte erteilt und ihre Verwendung streng kontrolliert wird.
In westlichen Medien heißt es immer wieder, die Proteste der russischsprachigen Bevölkerung würden von Moskau organisiert mit Hilfe eingeschleuster Demonstranten. Was ist da dran?
Das ist Blödsinn. Sie waren doch am Sonntag selbst bei der großen Kundgebung auf dem Lenin-Platz von Donezk dabei. Haben Sie etwa Busse mit russischen Kennzeichen gesehen? Das waren alles unsere Leute. Solche Behauptungen gehören zu dem Propagandakrieg, der gegen uns geführt wird. Es gibt hier zwar die Partei »Russischer Block«, die gute Verbindung in die Russische Föderation hat – das ist es aber schon. Sie wollen vor allem organisiert gegen die Faschisten vorgehen.