Mali im Fadenkreuz der Geopolitik – Werner Ruf

[…] Warum also zieht Frankreich, das gerade seine Truppen aus Afghanistan abgezogen hat, in Mali nun genau jene Begründung heran, es müsse dem islamistischen Terror gegen die Bevölkerung ein Ende setzen? Gelänge es den Banden, die wohl auch den Vormarsch auf die Hauptstadt Bamako planten, in Mali Fuß zu fassen, könnten sie tatsächlich die Kontrolle über die gigantischen Energieressourcen der ganzen Region erlangen: In jüngster Zeit wurden im Raum von Mauretanien bis Niger große neue Öl- und Gasfelder entdeckt, an deren Ausbeutung vor allem die französische Total, die italienische ENI und die algerische SONATRACH (unter den weltgrößten Energiekonzernen auf Platz elf) beteiligt sind.

In Mali selbst gibt es Gold, Diamanten und Phosphat. Letzteres wird immer wichtiger für die weltweite Düngemittelproduktion. Und es gibt Hinweise auf erhebliche Ölund Gasreserven sowie auf Vorkommen von Uran in der Region um Kidal. Damit schließt sich der Kreis: Wie in Mali, so gibt es in Niger ein Tuareg-Problem – und im ganzen Raum agieren AQMI & Co. Niger aber ist der drittgrößte Uranproduzent der Welt, Frankreichs über 80 Atomkraftwerke beziehen 70 Prozent ihres Brennstoffs aus Niger. Ausgebeutet wird das Uran unter unsäglichen Bedingungen für Mensch und Umwelt von dem halbstaatlichen französischen Unternehmen Areva, das sich auf seiner Homepage »größter Atomanlagenbauer der Welt« nennt.

Von Nigeria durch Niger und Algerien wird die riesige fast 4000 Kilometer lange Transsahara-Gas- Pipeline gebaut, die, finanziert von SONATRACH und Gazprom, von Nigeria zur algerischen Mittelmeerküste geführt wird. Der Sahel, und in seinem Zentrum Mali, ist daher von herausragender Bedeutung, zumal inzwischen auch China begonnen hat, in Niger Uran abzubauen: Die derzeitigen Geostrategien richten sich nicht nur auf die Kontrolle der Rohstoffe und ihrer Transportwege, sondern auch auf die Kontrolle der Fördergebiete und Transportwege der konkurrierenden Mächte.

Erstaunlich ist, dass in diesem Konflikt die USA bisher so gut wie nicht in Erscheinung treten: Mit Africom haben sie ein gewaltiges, offiziell eigens für die Terrorismusbekämpfung geschaffenes militärisches Instrument. Im Schlüsseljahr 2007 erklärten sie, ihre Ölzufuhr aus Afrika von damals 13 Prozent bis zum Jahre 2013 (!) auf 25 Prozent ihrer Gesamtimporte steigern zu wollen. Scheuen sie die Risiken eines zweiten Afghanistan in den endlosen Weiten der Wüste? lassen sie Paris in einen unlösbaren Konflikt laufen, oder lernen sie aus den Misserfolgen von Africom, das in Mali vier Anti-Terror- Einheiten ausgebildet hat, von denen drei zu den Rebellen übergelaufen sind, während die Reste von Malis Armee sich selbst bekriegen?

Im Interessengeflecht um die Ressourcenkontrollen erscheinen jenseits des um Diskretion bemühten China neue Akteure: Seit der Arabellion treten die Staaten des Golf-Kooperationsrats unter Führung von Saudi-Arabien und Katar massiv in die Weltpolitik ein. Sie waren es, die jene Entschließung in den Sicherheitsrat einbrachten, die dann die Resolution 1973 und die Verhängung der »Flugverbotszone« über Libyen zur Folge hatte. Sie sind es, die in Ägypten und Tunesien für die Verbreitung des Wahhabismus und die Unterstützung salafistischer Gruppen sorgen und die dschihadistische Nusra-Front in Syrien unterstützen.

Katar, der neue militärische Partner Frankreichs am Golf, lässt der militantesten Gruppe MUJAO mindestens finanzielle Unterstützung zukommen. So versuchen die arabischen Despotien, sich als zentrale Macht in der aufscheinenden multipolaren Welt zu positionieren, die die Ressourcen unter der Erde zumindest der sunnitisch- islamischen Länder kontrolliert. Die gezielte Unterstützung von »Terroristen« wird zum Angelpunkt geostrategischer Planspiele – ebenso wie deren mit medialem Spektakel betriebene Bekämpfung.

Auszüge eines Artikels in der Zeitung „Neues Deutschland“, 16. Februar 2013