Für den 24. September 2011 hatten die Nazis in der märkischen Kleinstadt Neuruppin einen Aufmarsch angemeldet. Es war der nächste Versuch, oder soll man sagen die Revanche, für den Aufmarsch am 9. Juli am gleichen Ort, der unter dem Motto „Neuruppin bleibt bunt“ verhindert worden ist. Dieser Aufmarsch vor zwei Monaten war das, wie es schien, vorerst letztes Aufbegehren der Nazis, doch noch einen Fuß in die Tür zu bekommen.
Auch dieses Mal war ich zusammen mit meinen Freunden dort, um das zu verhindern. Die dabei gemachte Erfahrung war bitter. Wir, das waren Frauen und Männer von 14 bis über 70 Jahren, Vertreter der Stadt, Initiativen und Parteien, Einwohner umliegender Gemeinden, ausnahmslos friedliche Bürger, zum Teil mit Plakaten und Fahnen, die die vorgesehene Strecke mit einer Sitzblockade nicht freigeben wollten. Eine Gruppe spielte mit Geige, Trompete usw. klassische Musik. Die Stimmung war gut und die Hoffnung groß, dass die Nazis auch dieses Mal nicht marschieren dürfen. Doch alles kam anders. Wir wurden von der Polizei gewaltsam von der Straße gezerrt, gestoßen, getragen, danach eingekesselt. So wurde den Nazis ohne Pardon der Weg für einen Hin- und Rückmarsch vor unseren Augen freigemacht. Da man das offensichtlich mit brandenburgischen Kräften nicht allein realisieren konnte, holte man sich Hilfe aus Nordrhein-Westfalen. Ein großes Polizeiaufgebot aus Essen und Duisburg einschließlich Gefängnisbus, ausgestattet mit Zellen statt Sitzen sowie Toilettenwagen waren quer durch Deutschland herbeigeordert worden. Als Polizisten aus meiner Geburtsstadt Duisburg mich von der Straße zerrten bzw. getragen haben, später in der 4stündigen Einkesselung die Taschen kontrollierten, den Körper abtasteten, mich fotografierten und darauf hinwiesen, dass ich mich rechtsstaatlich kriminell strafbar gemacht hätte, übermannte mich Zorn und Erinnerung.
In wenigen Tagen werde ich nach NRW fahren, was schon lange geplant war, um in den Staatsarchiven in Düsseldorf und Münster die Gerichtsakten vom Oberlandesgericht in Hamm und die Gestapoakten einzusehen, die meinen Vater, meine Mutter und weitere Verwandte aus dem aktiven Widerstand in Oberhausen betreffen. Sie haben gegen die Faschisten gekämpft, wurden 1933 bzw. 1934 von der Gestapo verhaftet, gefoltert und in einem – wie es auch heute so schön in diesem Zusammenhang heißt, rechtsstaatlichen Verfahren als Hoch- und Landesverräter verurteilt. Formaljuristisch war es genauso „korrekt“ wie meine aktuelle Kriminalisierung für meinen passiven Widerstand.
Mein Vater kam nach der Haft in das KZ Esterwegen, um später als Häftling das KZ Sachsenhausen aufbauen zu müssen. Meine Großmutter wurde ebenfalls verurteilt und verbrachte rund 10 ½ Jahre zumeist im KZ Ravensbrück, befreit 1945 von sowjetischen Truppen.
Meine Großmutter hatte die Häftlingsnummer 41 (von über 150.000), mein Vater die Häftlingsnummer 346 (von über 200.000). Ich habe am Samstag die Nummer 155 bekommen, liege also etwa genau in der Mitte zwischen diesen beiden Nummern. Ich fühle mich dort gut aufgehoben. Ich frage mich nur: Wiederholt sich Geschichte?
Hans Rentmeister
AKTIONSKONFERENZ IN DRESDEN 7. und 8. Oktober 2011 an der TU DD
http://www.dresden-nazifrei.com

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